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In der #Manosphere werden Männlichkeit und Geschlechterrollen neu verhandelt, ähneln dabei jedoch stark teilweise überwundenen Strukturen. Warum wünschen sich junge Männer traditionelle Rollenbilder zurück?

Hinweis: Da sich dieser Artikel damit beschäftigt, welche Auswirkungen die Rezeption bestimmter, von männlich gelesenen Personen erstellter Inhalte auf Jungen und junge Männer hat, wird im Folgenden die männliche Form bestimmter Wörter verwendet.

Was ist die Manosphere? 

Die sogenannte „Manosphere” (dt. „Männer-Sphäre”) bezeichnet ein Netzwerk aus Communities, Social-Media-Accounts, Foren und Blogs, das sich vor allem an junge Männer richtet. In diesen Räumen werden Inhalte rund um Männlichkeit und traditionelle Rollenbilder verbreitet und diskutiert. 

Das Themenspektrum in der Manosphere reicht inhaltlich von Tipps zur Selbstoptimierung bis hin zu vereinfachten und teilweise ideologisch geprägten Erklärungen für gesellschaftliche und persönliche Probleme. So wird etwa vermittelt, dass Misserfolge im Dating oder ein geringes Selbstwertgefühl auf eine neue, durch Emanzipation erstarkte Rolle der Frau zurückzuführen seien. Im Zuge dessen wird Feminismus als zentrales Feindbild dargestellt und die Vorstellung verbreitet, dass Männer in der heutigen Gesellschaft strukturell benachteiligt und systematisch unterdrückt werden. 

Das im Rahmen der Manosphere angestrebte patriarchale Weltbild wird maßgeblich von der Vorstellung traditioneller Rollenbilder geprägt, die sich Anhänger zurückwünschen. Dafür wird eine klare, hierarchische Geschlechterordnung ersehnt, in der Männer Frauen grundsätzlich überlegen sind. 

Nach diesem Verständnis zeichnet sich der „ideale” Mann durch Dominanz, Stärke, Status, Erfolg, Selbstbewusstsein und emotionale Unnahbarkeit aus. Frauen hingegen werden abgewertet. Einerseits werden ihnen negative Eigenschaften, beispielsweise Hinterlistigkeit oder Oberflächlichkeit unterstellt, gleichzeitig sollen sie dem als überlegen geltenden Mann gehorchen und sich unterwerfen. Diese Haltung wird besonders im Kontext von Sexualität propagiert und geht mit starker Objektivierung einher: Frauen wird die Rolle bloßer Sexobjekte zugeschrieben, zugleich wird die Auffassung vertreten, dass Männer einen grundsätzlichen Anspruch auf Sex haben. 

Akteure in der Manosphere 

Die Manosphere eint verschiedene Gruppen von Männern, die das von ihnen angestrebte Weltbild auf unterschiedliche Weisen und in verschiedenen Kontexten vermitteln. In der übergeordneten Gruppe der sogenannten „Manfluencer” geben „Pick-up-Artists“ – also Personen, die Strategien zur gezielten Verführung und oft auch Manipulation von Frauen vermitteln – Tipps für „Erfolg” im Dating-Kontext. Dabei wird Consent häufig nebensächlich behandelt, während Beeinflussung und Durchsetzungsvermögen im Vordergrund stehen. „Life Coaches” geben ihren Zuschauern Tipps zur Lebensführung, etwa in den Bereichen Fitness oder Finanzen, und versprechen Erfolg und Überlegenheit. Die Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele sind vor allem im Bereich der körperlichen Selbstoptimierung – wie beim Trend Looksmaxxing – häufig drastisch und gehen nicht selten mit Risiken einher. 

Neben der Geschlechterordnung zwischen Männern und Frauen gibt es auch innerhalb der Manosphere hierarchische Strukturen. Dabei ganz oben verortet sind die sogenannten „Alphas”. Sie gelten als die Anführer der Bewegung und werden nach eigenem Empfinden aufgrund ihres Aussehens und ihrer Dominanz von Frauen begehrt. Am unteren Ende der Manosphere-Nahrungskette stehen die „Incels” (engl. involuntary celibates). Die sich als „unfreiwillig enthaltsam” bezeichnende Gruppe sieht sich als Verlierer im Konkurrenzkampf um sexuelle Anerkennung durch Frauen und macht den Feminismus dafür verantwortlich, dass ihnen dieser wahrgenommene Anspruch verwehrt bleibt. 

Herausforderungen 

Inhalte aus der Manosphere verbreiten sich vor allem über Social Media und erreichen dort ein großes Publikum. Ein zentrales Problem besteht darin, dass Nutzer*innen nicht aktiv nach Inhalten der Manosphere suchen müssen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen. Oft sind die Inhalte nahtlos in Videos zu Lifestyle-Themen wie Sport, Dating oder Selbstoptimierung eingebettet. Dadurch erscheinen sie zunächst harmlos und sind nicht immer eindeutig als problematisch erkennbar. 

Das in der Manosphere vertretene Weltbild ist jedoch in vielerlei Hinsicht als kritisch zu betrachten. Es basiert auf stark vereinfachten und hierarchischen Geschlechterbildern, die insbesondere hetero cis Männer als überlegen darstellen. Dies hat nicht nur negative Auswirkungen auf alle Personen(gruppen), die von diesem Ideal ausgeschlossen werden, sondern kann auch innerhalb der adressierten Zielgruppe selbst herausfordernde Effekte hervorrufen. Denn das vermittelte Ideal ist oft mit Dominanz, Erfolg und emotionaler Härte verknüpft. Für Jungen und junge Männer kann dabei der Eindruck entstehen, diesen Erwartungen entsprechen zu müssen, was Unsicherheiten verstärken und zu Selbstzweifeln, Versagensängsten und einem negativen Selbstbild führen kann. Auch der Umgang mit den eigenen Gefühlen wird erschwert, wenn das Zeigen von Emotionen als „unmännlich” gilt. 

Darüber hinaus fördern viele Inhalte ein starkes Konkurrenzdenken, sowohl im Verhältnis zu Frauen als auch im Wettbewerb mit anderen Männern um sexuelle Gunst. Die Hierarchie zwischen „Alphas” und „Incels” vermittelt zudem, dass selbst unter „Gleichgesinnten” stets ein Wettbewerb herrscht, in dem sich nur die „Stärksten” durchsetzen.  

Schließlich werden in Manosphere-Inhalten Geschlechterverhältnisse oft vereinfacht und hierarchisch dargestellt. Dabei tauchen immer wieder Erzählungen über angebliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf, die abwertende Sichtweisen fördern können. Gleichzeitig werden bestimmte Verhaltensweisen verharmlost oder normalisiert, wodurch Anknüpfungspunkte für polarisierende oder ideologische Sichtweisen entstehen können. 

Tipps und Hinweise

Um Jugendliche im Umgang mit Inhalten aus der Manosphere zu sensibilisieren, sollte ein offener Austausch ermöglicht werden. Dabei ist es hilfreich, Interesse daran zu zeigen, was Jugendliche an den Inhalten möglicherweise anspricht, um ihre Perspektive besser nachvollziehen zu können. Die Inhalte können anschließend gemeinsam reflektiert werden, um eine kritische Auseinandersetzung mit den häufig einseitig dargestellten Vorstellungen zu fördern. 

Möglicherweise sind die Inhalte für Jugendliche attraktiv, weil sie Orientierung bieten, einfache Erklärungen liefern oder klare Rollenbilder vermitteln. Vor diesem Hintergrund sollten Jugendliche darin unterstützt werden, eigene Vorstellungen von Männlichkeit und Beziehungen zu entwickeln, die nicht ausschließlich auf Dominanz, äußerer Bestätigung oder sozialem Status basieren. Dafür kann es hilfreich sein, gemeinsam realistische Vorbilder zu identifizieren und den Fokus stärker auf individuelle Stärken zu legen. Grundsätzlich sollte ein Umfeld geschaffen werden, in dem auch Unsicherheiten und Druckempfinden in Bezug auf die Selbstwahrnehmung thematisiert werden können. 

Für weiterführende Impulse zur Arbeit mit Jungen und jungen Männern bietet das Magazin Junge*Junge der LAG Jungenarbeit NRW hilfreiche Einblicke. 

Bei Anzeichen einer möglichen Radikalisierung kann es zudem sinnvoll sein, externe Unterstützung hinzuzuziehen, etwa über die Fachstelle der LKS Bayern gegen Rechtsextremismus.