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Der Versuch, sich gesund zu ernähren, regelmäßig Sport zu machen und einen vernünftigen Schlafrhythmus zu entwickeln, ist Teil diverser Challenges. Beim Longevity-Trend geht es jedoch nicht darum, kurzfristige Gewohnheiten zu entwickeln – ganz im Gegenteil: Ziel ist es, sein Leben umfassend zu optimieren, um möglichst lang jung zu bleiben und den Alterungsprozess bestmöglich zu verlangsamen.

Was ist Longevity?

Seit jeher prägen Sagen wie der Jungbrunnen der griechischen Mythologie oder der goldene Apfel der Hesperiden den Wunsch, ewig jung zu bleiben oder gar unsterblich zu werden. Die Grundidee von Longevity (Langlebigkeit) ist – wenn auch in etwas lebensnäherer Umsetzung – dieselbe: Ziel ist es, das gesundheitliche Potenzial voll auszuschöpfen, den Alterungsprozess zu verlangsamen und das biologische Alter zu senken. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Prävention, um die eigene Gesundheit so lange wie möglich aufrechtzuerhalten und bestenfalls auf Medikamente verzichten zu können.

Dabei ist Longevity nicht nur ein Lifestyle-Trend, sondern auch ein wachsender Markt. Weltweit werden Millionen in Forschung und Unternehmen investiert, die sich mit der Verlängerung der Lebensspanne beschäftigen. Gleichzeitig vermarkten Kliniken, Start-ups und Influencer*innen Programme, Tests und Nahrungsmittel. Der Wunsch nach einem langen, gesunden Leben wird zum Geschäftsmodell, von dem bislang jedoch vor allem Menschen mit viel Zeit und Geld profitieren.

Wie bei Vorsätzen zur Selbstoptimierung oft üblich, basiert der Longevity-Lifestyle vor allem auf einer Perfektionierung der Ernährungs-, Bewegungs- und Schlafgewohnheiten. Hinsichtlich der Ausgestaltung gibt es hier jedoch verschiedene Ausprägungen. Etwas abgemilderte Varianten des Trends konzentrieren sich auf die Verlängerung der Gesundheitsspanne und zielen darauf ab, früh zu beginnen, um im Alter länger fit zu bleiben – wie bei @just.jueit zu sehen.

Häufig praktizierte, extremere Ausgestaltungen erfordern hingegen eine vollständige Verpflichtung zum Longevity-Lifestyle. Dabei wird Fortschritt akribisch getrackt: Kalorien werden genau gezählt, Bluttests, Gentests, Körperscanner und das Messen der Herzratenvariabilität gehören zur Routine. Auch Eisbäder, Rotlicht- oder Sauerstofftherapien sowie Infusionen stehen für viele auf dem Programm, wofür der Alltag stark durchgetaktet wird.

Longevity auf Social Media 

Die Darstellungen von Longevity auf Social Media sind vielfältig. Unter den Hashtags #Longevity oder #Langlebigkeit teilen viele User*innen ihre Tipps. 

Dazu gehören umfangreiche, manchmal bis auf die Minute geplante Morgen- und Abendroutinen oder auch sogenannte “What I eat in a day”-Videos. Longevity-Influencer*innen zeigen hier, dass sie vor allem unverarbeitete Lebensmittel essen und welche Nahrungsergänzungsmittel sie zu sich nehmen. In der Regel werden nur biologische Lebensmittel gegessen, alles selbstgekocht, und Intervallfasten praktiziert, bei dem nur zu bestimmten Zeiten gegessen wird – wie in Videos von @laengerlebenmitanastasia und @lukejaquerodney zu sehen ist. Manche Influencer*innen zeigen in ihren Videos außerdem die Ernährungs- oder Bewegungsroutinen von Familienmitgliedern, die für ihr Alter besonders jung und fit aussehen, wie etwa bei @thedavisstandard.

Neben Empfehlungen für einen gezielten Longevity-Lifestyle finden sich in Longevity-Inhalten auch strenge Verbote bestimmter Lebensmittel oder Gewohnheiten. So sagt  @laengerlebenmitanastasia etwa: „Soft drinks – da trink ich lieber meinen eigenen Urin“.

Ein prominentes Beispiel für extreme Longevity-Maßnahmen ist der US-Tech-Millionär Bryan Johnson. Der 48-Jährige möchte sein biologisches Alter auf 18 Jahre zurücksetzen und dokumentiert seinen Fortschritt auf Social Media. Er nimmt täglich über 100 Pillen zu sich, widmet jede Sekunde des Tages seiner Gesundheit und gibt für Verjüngungsmaßnahmen jährlich ca. zwei Millionen US-Dollar aus.

Herausforderungen 

Longevity-Praktiken versprechen ein längeres und gesünderes Leben. Dementsprechend können Inhalte rund um Longevity durchaus motivierend wirken. Gleichzeitig kann der oft sehr strenge Lebensstil ein hohes Druckempfinden erzeugen.

Insbesondere Influencer*innen spielen dabei eine zentrale Rolle, denn sie erreichen ein breites Publikum und empfehlen Lifestyleveränderungen sowie Nahrungsergänzungsmittel, deren Wirkungen nicht immer wissenschaftlich fundiert sind und in manchen Fällen sogar gesundheitliche Risiken bergen können. Vor dem Hintergrund des wachsenden Longevity-Marktes sind solche Inhalte zudem häufig eng mit kommerziellen Interessen verknüpt.

Hinzu kommt, dass die dargestellten Lebensweisen für viele unrealistisch sind. Strikte Ernährungspläne, aufwendig getaktete Tagesabläufe oder kostenintensive Behandlungen setzen ein hohes Maß an Disziplin, Zeit und finanzielle Ressourcen voraus. Zudem lassen viele der gezeigten Routinen kaum Raum für Spontaneität, soziale Kontakte oder Erholung. Wenn sich alles um die Gesundheitsoptimierung dreht, kann dies zu inneren Konflikten führen, da Freundschaften und soziale Kontakte eine zentrale Rolle im Leben von Heranwachsenden darstellen.

Darüber hinaus kann der Longevity-Trend ein Verständnis von Gesundheit fördern, das stark an Leistung und Kontrolle geknüpft ist. Gerade in der sensiblen Phase der Identitäts- und Körperbildentwicklung, in der Jugendliche sich befinden, können solche Botschaften soziale Vergleiche verstärken und sich negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken.

Tipps und Hinweise

Der Longevity-Trend kann von Jugendlichen als inspirierend und gesundheitsfördernd wahrgenommen werden. Gleichzeitig ist es wichtig, sie im Umgang mit entsprechenden Inhalten zu begleiten. 

Eltern und pädagogische Fachkräfte sollten mit Jugendlichen ins Gespräch über derartige Trends kommen und einen Raum öffnen, der Jugendlichen die Gelegenheit gibt, ihre Faszination für diese Inhalte zu erklären. So kann gemeinsam reflektiert werden, welche Aspekte motivierend sind und wo potenzielle Risiken liegen. 

Im Zuge dessen sollte darauf hingewiesen werden, dass auf Social Media dargestellte Routinen nicht immer notwendig, realistisch oder wissenschaftlich fundiert sind und dass solche Darstellungen Druck erzeugen sowie das Gefühl vermitteln können, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen.

Ebenso wichtig ist es, ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit zu vermitteln. Dazu gehört, dass neben Ernährung und Bewegung auch soziale Beziehungen, Freude, Erholung und Spontaneität zentrale Bestandteile eines gesunden Lebens sind.

Grundsätzlich gilt: Gesundheitsförderung sollte nicht als alleinige Aufgabe von Jugendlichen verstanden werden. Vielmehr brauchen sie unterstützende Strukturen und verlässliche Bezugspersonen, die ihnen Orientierung geben und sie in einem ausgewogenen und wohlwollenden Umgang mit sich selbst unterstützen.