High Protein, Clean Eating und Co.: Aktuelle Ernährungstrends auf Social Media
Darstellungen von Essen begegnen vielen Menschen auf Social Media täglich. Mahlzeiten werden dokumentiert, fotografiert, gefilmt und inszeniert. Plattformen wie TikTok oder Instagram dienen vielen Nutzer*innen dabei als Informationsquelle zu Ernährung und prägen dadurch zunehmend, wie über Ernährung gesprochen und was als gesund verstanden wird.
Foodcontent auf Social Media
Auf Social Media sind Informationen rund um das Thema Ernährung jederzeit verfügbar. Neben öffentlichen Institutionen teilen vor allem Influencer*innen und Privatpersonen Inhalte zu bestimmten Ernährungsweisen, Rezepten oder Lebensmitteltrends. Beliebte Formate sind Rezept- und Kochvideos, Einkaufsroutinen oder auch sogenannte „What I eat in a day”-Videos, in denen Creator*innen in Fotos oder Videos dokumentieren, was sie an einem Tag essen.
Die Inhalte reichen von Alltagseinblicken bis hin zu konkreten Ernährungstipps. Persönliche Erfahrungen und individuelle Routinen spielen dabei häufig eine zentrale Rolle. Gleichzeitig kursieren auf #FoodTok und Co. jedoch widersprüchliche Aussagen, Ernährungsmythen oder extreme Empfehlungen, denen nicht immer eine wissenschaftliche Fundierung zugrunde liegt.
Aktuelle Ernährungstrends
Viele Ernährungstrends auf Social Media beschäftigen sich mit der Idee, möglichst bewusst, gesund oder „clean” zu essen. Dabei stehen häufig Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden, Muskelaufbau oder Gewichtsverlust im Mittelpunkt.
Besonders sichtbar sind auch weiterhin vegetarische und vegane Ernährungsweisen. Daneben gewinnen proteinreiche Ernährungsweisen unter dem Stichwort „High Protein” zunehmend an Aufmerksamkeit. Während dieser Trend lange vor allem im Fitnesskontext verbreitet war und häufig mit Muskelaufbau und körperlicher Leistungsfähigkeit verbunden wurde, ist er inzwischen auch im Mainstream auf Social Media präsent.
Auch sogenannte „Clean Eating”-Trends sind auf Social Media weit verbreitet. Im Mittelpunkt steht dabei der Verzehr möglichst unverarbeiteter Lebensmittel sowie der Verzicht auf Industriezucker und Fastfood. Viele aktuelle Ernährungstrends greifen ähnliche Vorstellungen auf und erweitern diese.
Dazu gehört beispielsweise der sogenannte „Gut Health”-Trend, bei dem sich die Inhalte rund um das Thema Darmgesundheit drehen. Auch anti-entzündliche Ernährung oder Inhalte zum Thema Blutzucker erhalten zunehmend Aufmerksamkeit.
Einige dieser Diäten stammen aus medizinischen oder spezifischen gesundheitlichen Kontexten, beispielsweise dem Umgang mit Diabetes oder Reizdarm. Auf Social Media werden sie teilweise jedoch auch von Menschen ohne diese Erkrankungen als genereller Ernährungs-Lifestyle angepriesen.
Neben umfassenden Ernährungstrends erlangen auf Social Media außerdem auch einzelne Lebensmittel besondere Hypes. Dazu gehört beispielsweise Knochenbrühe („Bone Broth”), die im Rahmen fast aller der zuvor genannten Trends als besonders gesundheitsförderndes Wundermittel dargestellt wird. Im Fitnesskontext trenden derzeit vor allem Geschmackspulver oder Süßungsmittel wie Zerup.
Darüber hinaus werden auf Social Media auch Nahrungsergänzungsmittel und Produkte bestimmter Marken häufig thematisiert. Sehr präsent ist derzeit beispielsweise die Nahrungsergänzungsmittelmarke More Nutrition, deren zuckerreduzierte und proteinreiche Produkte regelmäßig in Ernährungs- und Fitnessvideos zu sehen sind. Auch Abnehmspritzen wie Ozempic & Co. werden im Kontext von Ernährungsanpassungen zur Gewichtsabnahme häufig thematisiert.
Herausforderungen
Ernährung wird auf Social Media häufig mit strikten Regeln und Vorstellungen hinsichtlich „gesunder Ernährung” verknüpft. Die Inhalte werden häufig so gestaltet, dass sie schnell verständlich sind und Aufmerksamkeit erzeugen, wodurch komplexe Informationen teilweise vereinfacht dargestellt werden. Dabei werden Mahlzeiten, Lebensmittel oder ganze Ernährungsweisen bewertet und pauschal positiv oder negativ bewertet. Für Konsumierende ist dabei nicht immer erkennbar, auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen diese Aussagen beruhen oder ob sie überhaupt gesichert sind.
Zugleich sind die Inszenierungen häufig mit bestimmten Körpervorstellungen verknüpft, beispielsweise wenn Creator*innen erklären, dass sie durch eine bestimmte Ernährungsform viel Gewicht verlieren konnten, oder ihren Blähbauch losgeworden sind. Dies kann dazu führen, dass sich Menschen mit den online dargestellten Inhalten vergleichen und ihr eigenes Essverhalten stärker hinterfragen. Zudem kann der Eindruck entstehen, dass dieser Ernährungsform gefolgt werden muss, um ein bestimmtes Ideal zu erreichen.
Eine weitere Rolle spielen die Mechanismen der Plattformen selbst. Inhalte, die starke Emotionen auslösen oder besonders klar positioniert sind, werden häufiger ausgespielt. Dadurch können bestimmte Ernährungstrends oder extreme Positionen besonders sichtbar werden, während andere Inhalte weniger Aufmerksamkeit erhalten. Für Nutzer*innen kann dadurch ein sehr einseitiger Eindruck davon entstehen, was als „normal” oder „gesund” gilt.
Nicht zu vergessen ist außerdem die Rolle kommerzieller Interessen. Häufig sind ernährungsbezogene Inhalte eng mit Produktwerbung verbunden oder dienen der Vermarktung bestimmter Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Ernährungsweisen. Dabei ist es nicht immer klar erkennbar, ob es sich um persönliche Empfehlungen oder bezahlte Inhalte handelt.
Tipps und Hinweise
Fachkräfte und Eltern sollten Jugendlichen dabei helfen zu verstehen, dass Inhalte zum Thema Ernährung häufig inszeniert sind, auch wenn sie durch die gezeigten Alltagsszenen womöglich spontan wirken. Durch die inszenierte Darstellung von Mahlzeiten, Körpern und Routinen entsteht möglicherweise ein sehr einseitiges Bild davon, wie Ernährung im Alltag tatsächlich aussehen kann. Unterschiedliche Körper, Bedürfnisse und Lebensrealitäten werden dabei nur begrenzt sichtbar.
In Gesprächen über Ernährungstrends und Körperbilder kann gemeinsam eingeordnet werden, welche Inhalte realistisch sind und welche eher idealisierte Darstellungen zeigen. Ein offener und wertschätzender Umgang kann helfen, ein gesundes Körperbild zu fördern und somit möglicherweise den Druck durch soziale Vergleiche zu reduzieren.
Eltern und Fachkräfte sollten auf mögliche Warnzeichen problematischer Essgewohnheiten achten. Dazu können beispielsweise extremes Diätverhalten oder übermäßig hoher Konsum von Food- und Diät-Inhalten auf Social Media gehören. Bei Bedarf sollte frühzeitig professionelle Unterstützung hinzugezogen werden. Anlaufstellen dafür sind beispielsweise das Versorgungszentrum Essstörungen des AWO Bezirksverbands Oberbayern e.V. (ANAD, das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit oder die Nummer gegen Kummer (116 111).