Konflikte im Netz

Jugendliche setzen sich in Online-Konflikten mit gesellschaftlichen Normen und Werthaltungen auseinander – z.B. in Sozialen Netzwerkdiensten wie Facebook. Dabei differenzieren die Heranwachsenden zwischen unterschiedlichen Konfliktformen: Nicht jeder Konflikt wird automatisch als Cyber-Mobbing verstanden.
 
 

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Informationen über Grundlagen zu Konflikten im Netz

„Wenn zwei sich streiten …“, versteht man das meist als Konflikt. Ein Konflikt kann aber auch schon bestehen, wenn (noch) kein Streit sichtbar ist. Zum Beispiel, wenn jemand ein Bild hochgeladen hat, das einer anderen Person peinlich ist. Dann fühlt sich die eine Person durch das Handeln der anderen Person beeinträchtigt und damit besteht schon ein Konflikt.

Konflikte sind also eher die Ursache für einen Streit. Und sie kommen im Zusammenleben von Menschen immer wieder vor. Deshalb ist es wichtig, Wege zu finden, wie man Konflikte lösen kann. Konflikte kommen auch vor, wenn über Medien miteinander kommuniziert wird. Und auch dann kommt es darauf an, dass man auch mit und über Medien Wege findet, Konflikte zu lösen.

Sollte man Konflikte von vornherein vermeiden?

Nein, denn Konflikte sind ganz normal. Wenn sie gut gelöst werden, können sie auch etwas Positives bewirken. Manchmal ist es besser, einen Konflikt mit einer Person einzugehen, weil sie nur so merkt, dass wiederholte Provokationen wirklich verletzen. Dann geht es in dem Streit aber um die Sache selbst.

Anders sieht das bei Online-Mobbing aus. Hier legt es eine Person darauf an, eine andere zu verletzen. Bei solchen Konflikten ist es meist viel schwieriger die Ursache zu klären. Deshalb ist es sehr wichtig, sich nicht rauszuhalten, wenn man von Cyber-Mobbing etwas mitbekommt.

Ist es sinnvoll, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen?

In Online-Communitys scheint es ganz einfach, einem Konflikt aus dem Weg zu gehen, indem man z.B. einfach einen Chat verlässt. Kurzzeitig kann man sich so etwas Luft verschaffen, aber das löst den Konflikt nicht. Vielmehr bleibt er bestehen und kann so noch viel unangenehmer werden. Zudem ist es häufig so, dass man sich in der Schule oder auf dem Schulweg wieder begegnet. Ausweichen ist somit keine gute Option.

Auch über Provokationen hinwegzusehen ist nur zu einem bestimmten Grad sinnvoll, selbst wenn sie einen nicht wirklich verletzen. Schließlich geht es darum, dass jeder akzeptiert, dass man respektvoll miteinander umgehen soll. Und dafür steht man nicht ein, wenn man einfach über Provokationen hinwegsieht. Schwierig ist vor allem: Woher weiß man, ob eine Provokation einer Person nichts ausmacht oder ob sie sich einfach nicht zu helfen weiß? Und wie entscheidet man dann, ob man helfen soll?

Wie handelt man in Konfliktsituationen?

Wie sich verschiedene Personen in Konfliktsituationen verhalten, hängt von vielen Dingen ab. Ein wichtiger Aspekt ist zum Beispiel, wie sehr sie sich durch ihr Gegenüber angegriffen fühlen. Ein anderer, welche Möglichkeiten sie sehen, den Konflikt zu einer Lösung zu bringen. Wichtig ist auch, ob man die andere Person auch offline trifft oder ob das eher unwahrscheinlich ist.

Mit welchen Personengruppen gibt es besonders viel Konfliktpotential?

Konflikte kommen vor allem unter Gleichaltrigen vor. Zu einem Streit kommt es dabei offenbar häufig mit Freundinnen oder Freunden von Freundinnen oder Freunden. Zu diesen haben viele in Sozialen Netzwerkdiensten Kontakt, obwohl sie gar nicht zum eigenen Freundeskreis gezählt werden.

Beim Cyber-Mobbing kommt manchmal hinzu, dass die mobbende Person online anonym agiert. Das heißt, man weiß gar nicht unbedingt, wer die Person ist, die einen angreift. Deshalb ist es beim Mobbing auch wichtig, alles zu dokumentieren. So ist die Chance größer, herauszubekommen, wer dahintersteckt.

Wie unterscheiden sich Jungen und Mädchen in einem Konflikt?

Jungs prügeln und Mädchen keifen? Solche Vorstellungen gibt es noch immer. Letztlich gibt es aber bei Jungen und bei Mädchen ganz unterschiedliche Typen, wie sie mit einem Konflikt umgehen. Prügeln oder keifen trägt jedoch nicht dazu bei, einen Konflikt zu klären. Letztlich sollte jede und jeder selbst entscheiden, wie in der Situation zu handeln ist. Das Ziel sollte immer sein, den Konflikt zu lösen. Am besten hilft, darüber zu reden.

Sich online entschuldigen – geht das?

Eine Entschuldigung ist wichtig, wenn man feststellt, dass man sich falsch verhalten hat. Damit zeigt man der anderen Person, dass man sie ernst nimmt und respektiert. Auch wenn eine Entschuldigung alleine manchmal nicht reicht, ist es auf jeden Fall gut, mit einer Entschuldigung einen Anfang zu machen.

Online kann man sich natürlich auch entschuldigen. So kann man ein besonderes Lied oder Bild posten, um die Entschuldigung zu unterstreichen. Allerdings schätzen viele eine Entschuldigung mehr, wenn man sie von Angesicht zu Angesicht ausspricht. Dann ist sie glaubwürdiger – das sagen auch viele Jugendliche.

Wichtig: Sich zu entschuldigen heißt nicht, nachzugeben! Wer sich entschuldigt, gibt nur die eigenen Fehler zu. Und Fehler macht jeder Mal. Manche missverstehen aber eine Entschuldigung als Schwäche. Schwach ist aber nur, wer nicht zu seinen Fehlern steht. Insofern zeugt eine Entschuldigung von Stärke.

Ist auch online eine Versöhnung möglich?

Ob man einen Konflikt richtig klären und sich z. B. nach einem Streit wieder richtig versöhnen kann, hängt davon ab, wie gut man sich kennt und was für einen Konflikt es gab. Kleinere Meinungsverschiedenheiten und ‚Spaß-Streits‘ können nach der Einschätzung von Jugendlichen häufig online geklärt werden. Zudem ist es online manchmal einfacher, wieder Kontakt aufzunehmen, indem man der anderen Person einen Link zu einem Lied schickt oder einen netten Kommentar schreibt.

Dennoch gilt: Reden hilft am besten! Das kann man im Chat oder während man sich gegenübersitzt. Ernstere Konflikte wollen die meisten Jugendlichen lieber klären, während man sich gegenseitig in die Augen schauen kann. Denn da sieht man leichter, wie ernst es mit der Versöhnung ist.

Studienergebnisse zu Konflikten online

Die Studie „Wo der Spaß aufhört … Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten“ von Wagner et al. (2012) formuliert auf ihren Ergebnissen aufbauend Leitlinien für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen:

  • Wo der Spaß aufhört, erschließt sich erst dann, wenn man einen differenzierten Blick auf die verschiedenartigen Konfliktformen wirft. Nur wer die Perspektive der Jugendlichen aufgreift, kann beurteilen, wo Jugendliche Unterstützung benötigen. Unverzichtbar ist, die unterschiedlichen Konfliktformen in ihrer Bandbreite mit Jugendlichen zu thematisieren und mit ihnen gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren.
  • Wo der Spaß aufhört, liegt nicht allein im Ermessen der Streitenden. Auch gesellschaftlich geprägte Wertorientierungen spielen eine entscheidende Rolle im Aushandeln von Online-Konflikten. Das Spannungsverhältnis zwischen Erfahrungen aus der eigenen Lebenswelt und gesellschaftlich akzeptierten Normen und Werten (z.B. Selbstbestimmung und solidarisches Helfen) muss in der pädagogischen Praxis gemeinsam mit den Jugendlichen aufgegriffen werden.
  • Wo der Spaß aufhört, gibt es Klärungsbedarf. Nicht Konflikte an sich, sondern eskalierendes Konflikthandeln sollten in der pädagogischen Arbeit abgelehnt werden. In der Arbeit mit Jugendlichen gilt es, konstruktive Wege zum Handeln in Online-Konflikten zu erarbeiten und zu diskutieren. Zudem gilt zu klären, wie und wann andere in Online-Konflikten unterstützt werden können und sollten.

 

Ist jede Meinungsverschiedenheit ein Streit?

Viele Jugendliche diskutieren online über ihre Meinungen zu ihren Interessen, wie Musik, Mode oder Sport. Dabei kann es sein, dass sie sehr unterschiedliche Ansichten haben und diese dann ausdiskutieren. Dies online zu diskutieren, macht manchen Jugendlichen Spaß. Andere versuchen dagegen solche Diskussionen zu vermeiden. Wie es jemandem wirklich geht, der in einer Meinungsverschiedenheit steckt, kann man deshalb schwer sagen.

Ein Streit ist für Jugendliche, wenn es um die Beziehung der Streitenden geht, und nicht um Meinungen. Deshalb ist ein Streit eigentlich immer auch belastend.

Wann ist von einem richtigen Streit die Rede?

Im Gegensatz zu Meinungsverschiedenheiten geht es bei einem ernsthaften Streit aus Sicht der Jugendlichen nicht um den Inhalt, sondern vielmehr um die Beziehung der Streitenden. Ein Streit ist also etwas wirklich Emotionales und Ernsthaftes.

Streit entsteht in Sozialen Netzwerkdiensten oft durch Missverständnisse, z. B. wenn ein Konfliktpartner kritisch oder spaßhaft gemeinte Äußerungen für einen persönlichen Angriff hält. Ein anderer wichtiger Auslöser für Streit in Sozialen Netzwerkdiensten sind ungewollte Kontaktversuche zwischen facebook-‚Freundinnen‘ und -‚Freunden‘. Wenn also eine Person viel mehr Kontakt haben will als die andere.

Weitere Anlässe für einen Streit in Online-Communitys sind Beleidigungen in Kommentaren, Online-Lästereien, unerwünschte Bilder und Inhalte oder auch Eifersucht zwischen den Streitparteien.

Was ist eigentlich ein ‚Spaß-Streit‘?

Ein ‚Spaß-Streit‘ ist eine ‚Als-ob-Auseinandersetzung, zum Beispiel über nicht ernst gemeinte Beleidigungen. Jugendliche sagen, dass solche scherzhaften Kommentare alltäglich sind. Ob es sich dabei um Spaß oder Ernst handelt, können die Jugendlichen ihrer Meinung nach in der Regel selbst gut beurteilen.

Dennoch entstehen gerade hier Schwierigkeiten, wenn die Äußerungen vom Gegenüber nicht als Spaß wahrgenommen werden. Unterschiedliche Bewertungen, ‚wo der Spaß aufhört‘, können zu einem richtigen Konflikt führen. Das Problem an lustig gemeinten Kommentaren ist, dass eine Person entscheidet, was die andere als Spaß zu verstehen hat. Und das geschieht zugleich öffentlich. Wenn die andere Person aber eine andere Vorstellung von Spaß hat, kann sie sich verletzt fühlen. Eine mögliche Folge ist, dass diese Person sich zurückzieht oder ebenfalls mit verletzenden Kommentaren reagiert.

Wer also online einen Spaß posten möchte, sollte sich immer genau überlegen, ob das auch als Spaß verstanden wird. Wichtige Fragen sind dabei: Wie geht es der Person und wie würde ich mich selbst fühlen, wenn jemand diesen Spaß mit mir machen würde? Im Zweifel ist es besser, auf einen Spaß zu verzichten.

Wie kommt es, dass online aus einem ‚Spaß-Streit‘ ein ernster Konflikt wird?

Schwierig wird es, wenn Äußerungen eigentlich spaßhaft gemeint sind, aber vom Gegenüber nicht als Spaß aufgefasst werden. Solche Missverständnisse können dazu führen, dass sich der andere beleidigt oder angegriffen fühlt und ein ernster Konflikt entsteht. Dabei spielt eine Rolle, dass manche Jugendliche online weniger Hemmungen haben und sich stärker fühlen als offline. So werden manchmal online Dinge geschrieben, die man hinterher bereut und die man einer Person nicht so einfach ins Gesicht sagen würde.

Außerdem kommt es gerade in Sozialen Netzwerkdiensten leichter zu Missverständnissen und anschließenden Streitereien, weil online oft mehr Leute als offline mitbekommen, was geschrieben wird. So kann es dazu kommen, dass in facebook z. B. mit einem Freund eines Freundes ein ernster Konflikt beginnt, obwohl man diesen Freund des Freundes sonst nur ganz selten sieht. Gerade weil man sich aber nicht so gut kennt, kann es aber leichter zu Missverständnissen kommen.

Ist eine Provokation auch gewalttätiges Handeln und kann zu einem ernsthaften Konflikt führen?

Provokationen sind ein Spiel mit dem Feuer. Sie können sehr verletzend sein und natürlich zu ernsthaften Konflikten führen. Manche nutzen provokante Sticheleien gezielt, um Konflikte anzuzetteln oder zumindest auszuprobieren, wie weit man gehen kann. Scheinbar sind es eher Jungen, die diese Form von Gewalt gegen andere einsetzen. Zwar wenden sie dann keine körperliche, aber durchaus psychische Gewalt an und setzen andere somit z. B. unter Druck.

Was ist eine Bloßstellung in Sozialen Netzwerkdiensten und weshalb ist sie besonders problematisch?

Erniedrigt man andere z. B. durch aggressive Worte, dann ist das eine Bloßstellung. Um andere bloßzustellen, wenden sich Jugendliche ganz gezielt an die Öffentlichkeit. Bloßstellungen erzielen ihre Wirkung dadurch, dass andere Personen von den Gerüchten mitbekommen, sie weiterverbreiten und es deshalb für die betroffene Person unangenehm und peinlich wird.

In Online-Communitys kann diese Öffentlichkeit zudem sehr schnell sehr groß werden. Scheinbar harmlose Kommentare werden bei einer Bloßstellung gegen eine Person oder eine Gruppe gerichtet, ohne sich auf ein Gespräch einzulassen.

Warum ist Ausgrenzung in Sozialen Netzwerkdiensten besonders schwierig einzuordnen?

Ausgrenzung kann verschiedene Formen annehmen. Der Missbrauch der Meldefunktion, sogenannte „Hassgruppen“ oder auch das Ignorieren der Person können Formen sein, wie in Sozialen Netzwerkdiensten andere ausgegrenzt werden. Ausgrenzung ist deshalb auch besonders bedrückend, da immer mehrere Personen mitmachen. Die ausgegrenzte Person ist dann allein.

Schwierig einzuordnen ist daran, dass zum Beispiel die Mitglieder einer Hassgruppe vielleicht gegen ihren Willen und ohne es zu wissen der Gruppe hinzugefügt wurden. So kann man an einer Ausgrenzung beteiligt werden, ohne das selbst auch zu wollen. Wenn man sich in Sozialen Netzwerkdiensten ausgegrenzt fühlt, sollte man sich deshalb anderen anvertrauen, um zu überprüfen, ob die Ausgrenzung absichtsvoll ist.

Spielt körperliche Gewalt bei Konflikten in Sozialen Netzwerkdiensten eine Rolle?

Jein. Während man nur über das Internet miteinander kommuniziert, kann man natürlich keine körperliche Gewalt ausüben oder auch erfahren. Aber die meisten Konflikte sind im erweiterten Bekanntenkreis angesiedelt und man sieht sich dann auch offline. So kann körperliche Gewalt oder die Angst davor auch eine Rolle bei Konflikten im Netz spielen.

Wichtig ist uns zu betonen, dass körperliche Gewalt keine Lösung sein kann. Wer seine Ehre mit körperlicher Gewalt verteidigen will, wird sich damit schnell weitere Probleme einhandeln. webhelm spricht sich explizit gegen körperliche Gewalt aus. Alle, die von einen Konflikt mitbekommen, sollten sich vielmehr für eine gewaltfreie und wirkliche Lösung der Ursache einsetzen.

Wenn jemand übers Internet gezielt schikaniert, tyrannisiert oder ausgegrenzt wird, spricht man von Cyber-Mobbing oder Cyber-Bullying. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn eine Person ständig böse Kommentare oder Nachrichten geschickt bekommt oder wenn er oder sie mit Hass-Gruppen oder Fake-Profilen in einer Online-Community bloßgestellt wird.

Manchmal stecken einzelne Personen und manchmal mehrere dahinter und in vielen Fällen wissen die Betroffenen gar nicht, mit wem sie es eigentlich zu tun haben. In vielen solchen Fällen sind die Persönlichkeitsrechte der gemobbten Person betroffen – zum Beispiel das „Recht am eigenen Bild“.

Jugendliche verstehen unter Cyber-Mobbing aggressives Handeln in Konflikten, das nach dem eigenen moralischen Verständnis zu weit geht. Aber diese Grenze ziehen unterschiedliche Menschen an verschiedenen Handlungsweisen. Deshalb wurden Definitionen entwickelt, die genau beschreiben sollen, was Cyber-Mobbing ist. So gilt als Cyber-Mobbing, wenn Dienste im Internet dazu eingesetzt werden, eine andere Person immer wieder und mit voller Absicht zu verletzen, sie zu bedrohen, sie zu beleidigen, Gerüchte über sie zu verbreiten oder ihr Angst zu machen.

(1) Cyber-Mobbing ist das absichtliche und systematische Schikanieren und Quälen von anderen über das Internet über einen längeren Zeitraum.

(2) Cyber-Mobbing bezeichnet damit besonders gravierende Konflikte, die teilweise auch schwerwiegende und langanhaltende Folgen für die Gemobbten und unter juristischer Perspektive auch für die Mobber haben können.

Einmalige blöde Bemerkungen sind zunächst kein (Cyber-)Mobbing. Sie können aber auch sehr verletzend sein. Und sie können sich zu Cyber-Mobbing entwickeln.

Was ist ein ‚Cyber-Bully‘?

Das Wort ‚Bully‘ kommt aus dem Englischen und meint die aggressive Person in einem Streit. Wörtlich übersetzt bedeutet ‚Bully‘ Tyrann. So ist der Cyber-Bully derjenige, der andere beleidigt, bedroht, erpresst oder Gerüchte verbreitet. Der Begriff wird im Zusammenhang mit Cyber-Bullying verwendet.

Cyber-Bullying und Cyber-Mobbing meint dasselbe. Damit sind gezielte, aggressive Verhaltensweisen einer oder mehrerer Personen gegenüber einer anderen Person gemeint, die meistens über einen längeren Zeitraum ausgeübt werden.

Wie unterscheidet sich das Cyber-Mobbing vom klassischen Mobbing?

Beim Cyber-Mobbing führt ein Bully sein aggressives Verhalten mithilfe von Medien aus. Darin liegt der Unterschied zum klassischen Mobbing. Durch diese mediale Vermittlung kann der Bully die Situation und die Gefühle des Opfers oft nicht einschätzen. So besteht die Gefahr, dass er mit seinen Beleidigungen, Beschimpfungen etc. weiter geht als ohne die ‚zwischengeschalteten‘ Medien.

Außerdem ist es für die Betroffenen oft schwierig, die ins Internet gestellten Nachrichten und Bilder zu kontrollieren. Ein hochgeladenes Bild oder Video kann oft nicht wieder entfernt werden und zudem ist schwer einschätzbar, wer schon alles in Besitz des Bildes oder Videos ist. Häufig sind die betroffenen Personen aber auch deshalb verunsichert, weil sie nicht wissen, wer sie attackiert.

Bullys versuchen manchmal, anonym zu bleiben und Personen anzugreifen, die sie im normalen Leben nicht angreifen würden (zum Beispiel auch Lehrkräfte).

Insbesondere durch Mobiltelefone und Smartphones hat Cyber-Mobbing eine neue Dimension erlangt, da man diese Geräte immer bei sich hat. So kann Cyber-Mobbing überall auftauchen: auf dem Schulhof, auf dem Schulweg oder zu Hause.

Mit welchen Handlungsweisen von Cyber-Mobbing haben Betroffene zu kämpfen?

Betroffene sehen sich mit ganz verschiedenen Formen von Cyber-Mobbing konfrontiert. Dazu zählen Beleidigung, Beschimpfung (sog. Flaming), Belästigung, Anschwärzen, Gerüchte verbreiten, Auftreten unter falscher Identität, Bloßstellung, Betrügerei, Ausgrenzungen, Cyber-Threats (offene Androhung von Gewalt) oder auch Cyber-Stalking.

Auch ein sogenannter Shit-Storm, in dem sich massenhaft Menschen in Posts und Kommentaren über eine Äußerung entrüsten, kann bei Cyber-Mobbing auftreten.

(1) Diese Definition findet sich wieder in Jäger, Reinhold S.; Fischer, Uwe; Riebel, Julia (2007): Mobbing bei Schülerinnen und Schülern in der Bundesrepublik Deutschland. Eine empirische Untersuchung auf der Grundlage eines Online-Fragebogens. Zentrum für empirische pädagogische Forschung. Seite 8.

Wer ist bei Cyber-Mobbing verantwortlich?

In vielen Fällen gibt es nicht nur Opfer und Täter, sondern auch Mitwisser – zum Beispiel Klassenkameradinnen und -kameraden – die nichts gegen das Mobbing unternehmen. Da stellt sich die Frage, wer hier alles Verantwortung trägt. Auch wenn man selbst nicht betroffen ist, kann man Zivilcourage zeigen und mithelfen, dass Cyber-Mobbing keine Chance hat. Wie könnte man zum Beispiel in den beiden Fällen, die in den Videoclips geschildert werden, Mitverantwortung zeigen?

Zunächst sind alle, die etwas von einem Online-Konflikt mitbekommen, eine Öffentlichkeit für den Konflikt. Das kann für die Beteiligten unangenehm sein. Darüber hinaus können diese Personen auch als Dritte in den Konflikt eingreifen. Das kann dazu beitragen, dass ein Konflikt (schneller) gelöst wird. Es kann aber auch sein, dass dadurch ein Konflikt noch weiter angeheizt wird.

Können Dritte zur Lösung von Konflikten beitragen?

Ja, Dritte können durchaus dafür sorgen, dass eine Lösung für einen Konflikt gefunden wird. Zum Beispiel können sie zwischen den zwei Konfliktpartnern vermitteln. Besonders hilfreich ist es, wenn Mädchen und Jungen mit beiden Personen befreundet sind, weil sie sich nicht auf eine Seite schlagen. Sie wollen beiden Seiten helfen und versuchen einen Streit so zu schlichten.Oft hilft es aber auch, die Beteiligten direkt anzusprechen oder auch einfach darauf hinzuweisen, wenn ein Streit kindisch und nicht angebracht ist.

Wenn ihr mitbekommt, dass jemand Cyber-Mobbing erfährt, dann braucht diese Person Unterstützung. Zum Beispiel jemanden, der tröstet, aufmuntert oder insgesamt aufmerksam ist, wie es der Person gerade geht. Vorsichtig sollte man mit dem Posten von unterstützenden Kommentaren sein: Diese können den Konflikt ungewollt noch weiter befeuern, wenn andere dagegenhalten.

Was denken Jugendliche über Streitschlichter?

An vielen Schulen gibt es Streitschlichter, die als Ansprechpersonen bei Konflikten helfen sollen. Von Jugendlichen werden Streitschlichter aber nur akzeptiert, wenn sie die Streitschlichter kennen und wenn sie darauf vertrauen können, dass diese vertraulich mit den Informationen umgehen (und diese nicht an Lehrkräfte weitergeben).

Am Wichtigsten ist aber, dass Streitschlichter im Streitfall ‚für beide‘ sind und sich nicht auf eine Seite schlagen. Verständlich ist, dass man sich nicht an Streitschlichter wenden würde, wenn man die Streitschlichter nicht kennt, nicht einschätzen kann, wie sie arbeiten und wie sie in einem Konflikt handeln. Wenn man einen Konflikt mitbekommt, ist eine Möglichkeit zu helfen, dass man diese Informationen herausbekommt und an die Konfliktpartei weitergibt.

Welche Probleme können entstehen, wenn sich Dritte in Konflikte einmischen?

Dritte können einen Streit noch schlimmer machen. Das geschieht zum Beispiel, wenn sie versuchen, ganz gezielt gegen eine Person vorzugehen oder wenn sie sich an jemandem rächen wollen und Gewalt gegen diese Person ausüben. Dann werden Dritte selbst zu Beteiligten am Konflikt, zu Verstärkern oder sogar zu Rächern. In dem Fall schadet das Einmischen mehr, als dass es hilft.

Schwierig kann es für Jugendliche vor allem dann werden, wenn sie mit beiden Konfliktparteien befreundet sind. Dann kann es passieren, dass von ihnen erwartet wird, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Sie werden dann zu Verbündeten gegen die andere Seite. Dadurch können sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Auch das kann zu neuen Konflikten führen. So ist gut zu überlegen, ob man sich nur auf eine Seite schlägt.

Eine Konfliktpartei ist insbesondere dann daran interessiert Verbündete zu finden, wenn sie sonst unterlegen wäre und sich nicht wehren kann. Bevor man als Verbündete bzw. Verbündeter in den Streit verwickelt wird, lohnt es sich, andere Möglichkeiten zu suchen, wie man diese Hilfe leisten kann. Gut gemeinte unterstützende Kommentare können einen Konflikt zusätzlich befeuern, da andere auf diese reagieren und damit immer wieder neue Beleidigungen auftauchen.

Als weiteres Problem, wenn man sich in einen Streit einmischt, kann man selbst Ziel von Anfeindungen werden. Auch das sollte man im Blick haben, wenn man in einen Konflikt eingreift. Am besten überlegt man sich schon im Vorfeld, wie man dann reagieren könnte, um den Konflikt nicht noch schlimmer werden zu lassen.

Was sollten Dritte beachten, wenn sie sich in einen Konflikt einbringen?

  1. Nicht bevormunden! Eine ganz wichtige Regel ist, dass die Streitenden bei der Lösung des Konflikts unterstützt werden sollten. Wer die Streitenden bevormundet oder ihnen vorschreibt, was zu tun ist, trägt damit vermutlich nicht zur Lösung des Konflikts bei. Vielmehr sollte man dazu beitragen, dass die Streitenden den Konflikt lösen können.
  2. Vertrauenspersonen nach vorne! Unterstützung wird am ehesten von Vertrauenspersonen angenommen. Enge Freundinnen und Freunde, aber auch Verwandte können entsprechend wichtige Stützen sein.
  3. Checken, was eigentlich Sache ist! Wichtig ist auch zu klären, welche Art von Konflikt vorliegt. Wer sich zum Beispiel in einen ‚Spaß-Streit‘ einmischt, kann damit ggf. zeigen, dass er den Spaß nicht versteht. Es kann aber auch wichtig sein, darauf hinzuweisen, dass ein Spaß zu weit gegangen ist. Gerade bei Mobbing-Fällen ist es aber ganz wichtig, sich einzubringen und nicht einfach nur zuzusehen. Unterstützung suchen! Wenn man nicht weiß, wie man helfen kann, kann man sich auch als eigentlich Unbeteiligte/r informieren, wie man selbst oder wer sonst helfen kann.
  4. Vorsichtig sein mit unterstützenden Kommentaren! Ein unterstützender Kommentar kann immer auch ein Anlass sein, eine Beleidigung nochmal zu wiederholen. Ein gut gemeinter Kommentar kann einen Konflikt also immer weiter befeuern. Gelöst wird er dadurch selten. Deshalb: Unterstützung persönlich ausdrücken und nach anderen Wegen suchen, um den Konflikt zu lösen.

Wie viele Jugendliche sind bereits Opfer von Cyber-Mobbing geworden?

Dazu ist es schwer, verlässliche Zahlen zu bekommen. Verschiedene Studien warten hier mit unterschiedlichen Zahlen auf, fragen aber auch nach unterschiedlichen Dingen. In der Studie „Gewalt im Web 2.0“ wurde herausgefunden, dass rund jede/-r Dritte/-r (34 Prozent) im Alter zwischen 12 und 19 Jahren zumindest schon einmal unangenehme Erfahrungen im Internet per E-Mail, Instant Messaging oder in Chatrooms gemacht hat.

Nach der JIM-Studie 2012 wurde von 15 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren schon einmal „im Internet Falsches oder Boshaftes über ihre Person verbreitet“ (mpfs, 2012, S. 38). Das ist noch nicht unbedingt ein Fall von Cyber-Mobbing. Aber dennoch können schon diese Erfahrungen für Jugendliche problematisch sein und sie sind definitiv als Konflikte zu verstehen. Denn eine Person macht etwas, was eine andere Person nicht will. Und das macht einen Konflikt aus, auch wenn man sich nicht in jedem Fall offen streitet.

 

„Wo der Spaß aufhnört“ heißt eine Studie des JFF, die sich 2012 ausführlich mit dem Konfliktverhalten Jugendlicher in sozialen Netzwerken beschäftigte:

Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels; Gerlicher, Peter; Schemmerling, Mareike (2012): Wo der Spaß aufhört … Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten. Teilstudie im Projekt „Das Internet als Rezeptions- und Präsentationsplattform für Jugendliche“ im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). München: JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Online verfügbar unter: www.jff.de/studie_online-konflikte.

Folgende Fragen konnten dabei beantwortet werden:

Wie handeln Jugendliche in Konfliktfällen?

Konflikte unter Jugendlichen sind als alltäglicher Akt im Rahmen der Identitätsarbeit zu begreifen. In der Studie von Wagner et al. (2012)* wurden Jugendliche explizit dazu aufgefordert, auch eskalierende Handlungsoptionen zu diskutieren. Für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen kann man aus der Studie wertvolle Schlüsse ziehen: Sie gibt u.a. Aufschluss darüber, welche Handlungsmöglichkeiten den Jugendlichen grundsätzlich bekannt sind und in der Peergroup auch akzeptiert werden. Darüber hinaus kann eingeschätzt werden, welche Optionen die Jugendlichen als realistisch ansehen, da sie diese z.B. bereits erlebt haben oder aber auch aus moralischen Gründen ausschließen.

  • Bloßstellendes, ausgrenzendes, einschüchterndes und provozierendes Verhalten werden von den befragten Jugendlichen (teilweise) als häufiges Verhalten genannt, um Konflikte auszutragen.
  • Als Lösungsstrategien finden das Ignorieren der Konflikte sowie Versöhnungen online und offline eine breite Akzeptanz.

Wie heizen Jugendliche Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten weiter an?

Ein gängiger Weg, einen Konflikt auszutragen, ist das Bloßstellen der Konfliktpartei. So sehen es die befragten Jugendlichen der Studie von Wagner et al. (2012)*. Als Bloßstellen werden verbale Auseinandersetzungen verstanden oder das Veröffentlichen peinlicher Fotos oder Videos unter bewusstem Einbezug der Online-Community. Die befragten Jugendlichen nennen auch die Verwendung von jugendkulturellen Sprachcodes, wie „Du kleine Schlampe.“ und „HDF“ (= Halt die Fresse). Dabei geben sie zu Bedenken, dass v.a. Erwachsene die Codes häufig nicht richtig entziffern können. So kann „HDF“ laut den Jugendlichen durchaus auch in spaßhaften Streits und Meinungsverschiedenheiten Gebrauch finden, ohne dass sie den Konflikt dadurch anheizen wollen. „Du kleine Schlampe.“ besitze hingegen einen eindeutig bloßstellenden Charakter.

Häufig werde auch versucht, die Konfliktpartei auszugrenzen, indem Freunde gegenüber dieser Person(en) aufgehetzt werden. Dabei wird die Öffentlichkeit Sozialer Netzwerkdienste einbezogen, indem Freunde zu sogenannten „Hassgruppen“ (z.B. „Jonas15 wir hassen dich“) zugefügt werden. Dadurch wird sozialer Druck auch auf zunächst Unbeteiligte ausgeübt. Weiter nennen die Jugendlichen das systematische Ignorieren als eine Vorgehensweise, um die Konfliktpartei auszugrenzen. Dabei werde jeglicher Kontaktversuch abgelehnt, was eine Lösung des Konflikts gezielt unterbindet.

Während das Bloßstellen und Einschüchtern von den Jugendlichen als gängiger Weg im Konfliktfall betrachtet wird, ist das Einschüchtern als Handlungsoption stark umstritten. Darunter werde primär das Androhen bzw. Anwenden von körperlicher Gewalt verstanden, um die persönliche Ehre zu verteidigen bzw. zu wahren. V.a. von bildungsbenachteiligten Jungen wird körperliche Gewalt als legitimes Mittel zur Austragung von Konflikten gesehen – wenn auch als letzte Handlungsoption. Die unterschiedliche Bewertung des Einschüchterns als (in)adäquate Verhandlungsform in Abhängigkeit von Geschlecht und Bildungshintergrund weist darauf hin, dass Konflikte immer vor dem Hintergrund lebensweltlicher Bedingungen ausgehandelt werden.

Provozieren wird v.a. von Jungen mit eher hohem Bildungshintergrund als Handlungsoption genannt. Darunter verstehen die Befragten spitzfindige Sticheleine, die (verglichen mit Ausgrenzungen, Bloßstellungen und Einschüchterungen) stärker das Ziel verfolgen, eine aggressive Reaktion des Gegenübers heraufzubeschwören. Durch provozierendes Verhalten macht sich die Konfliktpartei, laut Meinung der Jugendlichen, weniger angreifbar, da man selbst, zumindest oberflächlich betrachtet, nicht aggressiv vorgeht.

Wie lösen Jugendliche Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten?

In der Studie von Wagner et al. (2012)* wurden Jugendliche auch zu Lösungsstrategien bei Online-Konflikten befragt. Dabei ist auffällig, dass die Befragten häufig „Scheinlösungen“ präferieren, welche die Konflikte nicht klären, sondern eher verleugnen bzw. verdrängen und die Spannungen in Form von latenten Konflikten weiterbestehen lassen. Dieses Ausweichen der Konflikte wird von den befragten Jugendlichen jedoch häufig als souveränes und selbstbestimmtes Handeln beschrieben und nur bedingt als konfliktverdrängendes Handeln. Das Ignorieren als gängige Handlungsstrategie besitzt in diesem Zusammenhang zwei Ausprägungen:

  • Es kann ein souveränes Nicht-Handeln beschreiben, durch das die Jugendlichen bewusst Konflikte unterbinden, indem sie nicht auf konfliktprovozierendes Handeln eingehen und Auseinandersetzungen somit vermeiden.
  • Demgegenüber steht Ignorieren im Sinne eines Nicht-Ansprechens, das dazu führt, dass Konflikte unterschwellig vorhanden sind, jedoch nicht ausgetragen und somit nicht gelöst werden.

Versöhnungen können nach Aussage der Jugendlichen sowohl online als auch offline stattfinden. Online sei es manchmal einfacher, wieder Kontakt aufzunehmen, indem man beispielsweise ein Lied schickt oder einen netten Kommentar schreibt. Andererseits seien Versöhnungsangebote online oft schwieriger einzuschätzen als offline. Denn die Gefühle und Intentionen des Gegenübers könne man online oft nicht so gut einschätzen wie im direkten Gespräch.

Wie sieht das Konfliktverständnis Jugendlicher aus?

Sehr oft besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Konfliktverständnis von Jugendlichen und Erwachsenen. Aus Sicht der Jugendlichen haben Erwachsene falsche Vorstellungen von Online-Konflikten, z.B. was als unangemessen gilt und was noch toleriert werden kann. Jugendliche sehen Erwachsene häufig als zu distanziert zur eigenen Lebenswelt. Sie sind dann mit gängigen Umgangsformen der Jugendlichen nicht vertraut und so werden z.B. Kommunikationsroutinen in Online-Communitys falsch eingeschätzt.

Verschiedene Konfliktformen von Jugendlichen wurden in einer Studie von Wagner et al. (2012)* unterschieden. In der Häufigkeit absteigend beginnend bei einem

  • Spaß-Streit, welcher nicht ernst gemeint ist, sich jedoch zu
  • Meinungsverschiedenheiten bis hin zu
  • ernsthaften Streitereien entwickeln kann.
  • (Cyber-)Mobbing sehen die befragten Jugendlichen als aggressives Konfliktverhalten, welches zu weit geht.

Eine weitere, aus medienpädagogischer Perspektive, wichtige Facette von Online-Konflikten, ist, dass solch kleine Spaß-Streits für Jugendliche alltäglich sind, von Erwachsenen aber so gar nicht wahrgenommen werden. Die befragten Jugendlichen sehen die Spaß-Streits und viele der online ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten als Schein-Konflikte, welche vom Gegenüber meist auch als spaßhaft aufgefasst werden. “Allerdings zeigt sich, dass die Grenzen zwischen den verschiedenen Konfliktformen nicht immer klar zu ziehen sind.” Was genau also unter Spaß, Meinungsverschiedenheit, Streit oder Mobbing zu verstehen ist, “kann letztlich nur im sozialen Austausch geklärt werden und die Unschärfe der Grenzen birgt Zündstoff für neue Konflikte. Nicht immer weiß die andere Person, wie eine Äußerung zu deuten ist. Und wo der Spaß aufhört, kann ein Konflikt beginnen” (S. 1 im kompletten Bericht).

Was verstehen Jugendliche unter einem Spaß-Streit?

Nach einer Studie von Wagner et al. (2012)* zum Konfliktverhalten Jugendlicher in Sozialen Netzwerkdiensten posten Jugendliche im Alltag sehr häufig scherzhaft gemeinte Kommentare. Wie viel Spaß oder Ernst darin steckt, können die Jugendlichen ihrer Meinung nach in der Regel selbst gut beurteilen. Dennoch entstehen gerade hier Schwierigkeiten, wenn die Äußerungen vom Gegenüber nicht mehr als Spaß wahrgenommen werden. Diese unterschiedlichen Bewertungen können dann zu Konfliktformen, wie ernsthafte Streitereien oder (Cyber-)Mobbing, führen. Wie derartige Missverständnisse in Sozialen Netzwerkdiensten entstehen, erklären Jugendliche v.a. mit folgenden zwei Faktoren:

  • In Sozialen Netzwerkdiensten kommuniziert man häufig enthemmter und fühlt sich stärker. „In Facebook ist man irgendwie voll frecher als so“, berichtet ein befragtes Mädchen (S. 26 im kompletten Bericht). Zu beachten gilt dabei, dass von einer Person festgelegt wird, was andere als Spaß zu verstehen haben. So kann es gut vorkommen, dass ein schnell formulierter, aber neckisch gemeinter Kommentar vom Gegenüber als verletzend wahrgenommen wird. Dadurch steigt das Eskalationspotential des Spaß-Streits schnell an.
  • Vor allem die befragten Jungen weisen darauf hin, dass auch der erweiterte Kreis an Kommunikationspartnerinnen und -partnern Missverständnisse begünstige. Schließlich kann es gerade bei Freundes-Freunde sein, dass diese die Intention eines Kommentars falsch verstehen: „Man hat das falsche Wort gewählt und der wird gleich drauf aufmerksam, aggressiv“ (S. 27 im kompletten Bericht).

Was verstehen Jugendliche unter einer Meinungsverschiedenheit?

Wagner et al. (2012)* untersuchten in einer Studie die Perspektive Jugendlicher zu Konflikten in Sozialen Netzwerkdiensten. Die befragten Jugendlichen beschreiben Meinungsverschiedenheiten im Netz als sehr alltäglich. Darunter verstehen sie inhaltliche Auseinandersetzungen, die trotz ernsthafter Inhalte meist nicht verletzend gemeint sind: „Ja, aber zu Facebook geht man ja auch um Freunde zu treffen und mit Freunden zu schreiben und nicht um dann Stress zu haben“ (S. 27 im kompletten Bericht). Eine Meinungsverschiedenheit ist für die Jugendlichen weniger schwerwiegend als ein richtiger Streit. Streitereien sind negativ konnotiert und werden nicht mehr auf einer inhaltlichen Ebene ausgetragen, sondern auf einer Beziehungsebene. Damit steigt die emotionale Belastung sowie der Eskalationsgrad an.

Was verstehen Jugendliche unter einem Streit?

Im Gegensatz zu Meinungsverschiedenheiten spielen sich ernsthafte Streitereien nicht mehr nur auf einer inhaltlichen Ebene ab, sondern ereignen sich auf einer Beziehungsebene. Damit in Verbindung steht eine emotionale Belastung. So sehen es die von Wagner et al. (2012)* befragten Jugendlichen in einer Studie über Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten. Ursächlich für Streitereien sind v.a. andere Einstellungen und Wertehaltungen.

  • Die Jugendlichen nennen Missverständnisse als häufigsten Auslöser für Streitereien in Sozialen Netzwerkdiensten. Damit meinen sie v.a., dass kritische (intendiert als Meinungsverschiedenheit) oder spaßhafte (intendiert als Spaß-Streit) Äußerungen als Beleidigung oder persönlicher Angriff missverstanden werden oder diese fehlinterpretierten Äußerungen an Dritte falsch weitergegeben werden.
  • Als weiteren häufigen Auslöser für Streitereien in Online-Communitys sehen die Jugendlichen das schwierig zu bestimmende Verhältnis zwischen Nähe und Distanz. Wenn beispielsweise ein Facebook-Freund mehr Nähe fordert, kann das für das Gegenüber zu viel sein und ein Gefühl der Bedrängnis hervorrufen: „Also entweder, man kann Stress kriegen, indem man Leute die ganze Zeit anschreibt und die dich nicht wollen, oder ich kann Stress haben, wenn dich die ganze Zeit irgendwelche anschreiben, (…) die man nicht will, und das nervt halt dann teilweise, obwohl man mit denen befreundet ist, weil man die eigentlich mag, aber dadurch machen die alles kaputt, wenn die die ganze Zeit irgendeinen Scheiß schreiben“ (S. 28 im kompletten Bericht).
  • Weitere Anlässe für einen Streit in Online-Community sind laut den befragten Jugendlichen Beleidigungen in Kommentaren, Online-Lästereienunerwünschte Bilder und InhalteEifersucht zwischen den Streitparteien oder auch gefälschte Accounts.

Was verstehen Jugendliche unter Cyber-Mobbing?

Konflikte sind alltäglich und ein unumgängliches Phänomen im sozialen Zusammenleben, diese kommen online genauso vor wie im realen Leben. Die meisten Online-Konflikte zwischen Jugendlichen werden jedoch von Erwachsenen häufig und vorschnell als Cyber-Mobbing postuliert. Grundsätzlich sollten Online-Konflikte aber differenzierter und vor allem dann nicht nur negativ betrachtet werden. Nur so ist es möglich, konstruktiv damit umzugehen und unterstützend wirken zu können. Jugendliche, die von Wagner et al. (2012) (1) in einer Studie befragt wurden, haben einen differenzierten Blick auf Online-Konflikte und unterscheiden zwischen Spaß-Streits, Meinungsverschiedenheiten, Streitereien und (Cyber-)Mobbing.

  • Die befragten Jugendlichen verstehen unter Cyber-Mobbing einen Sammelbegriff für aggressives Handeln in Konflikten, das nach dem eigenen moralischen Verständnis zu weit geht. Meinungsverschiedenheiten und Streitereien werden als weniger schwerwiegend eingeschätzt, können sich aber zum Cyber-Mobbing entwickeln. (1)
  • Es gilt als Cyber-Mobbing, wenn Dienste im Internet dazu eingesetzt werden, andere Personen “immer wieder und mit voller Absicht (…) zu verletzen, sie zu bedrohen, sie zu beleidigen, Gerüchte über sie zu verbreiten oder ihnen Angst zu machen”(2)
  • Cyber-Mobbing ist das absichtliche und systematische Schikanieren und Quälen von anderen über das Internet über einen längeren Zeitraum. (3)

Cyber-Mobbing bezeichnet damit besonders gravierende Konflikte, die sich in Form von Beleidigung, Beschimpfung (sog. Flaming), Belästigung,  Anschwärzen, Gerüchte verbreiten, Auftreten unter falscher Identität, Bloßstellung, Betrügerei, Ausgrenzung, Cyber-Threats (offene Androhung von Gewalt) oder auch Cyber-Stalking äußern. Auch ein sogenannter Shit-Storm, in dem sich massenhaft Menschen in Posts und Kommentaren über eine Äußerung entrüsten, kann bei Cyber-Mobbing auftreten. Cyber-Mobbing kann teilweise auch schwerwiegende und langanhaltende Folgen für die Gemobbten und unter juristischer Perspektive auch für die Mobber haben (siehe auch Informationsseiten von klicksafe).

Synonym zu Cyber-Mobbing wird oft auch von Cyber-Bullying gesprochen. Das Wort „Bully“ kommt aus dem Englischen und meint die aggressive Person in einem Streit, wörtlich übersetzt: „Tyrann“. Die mediale Vermittlung des aggressiven Verhaltens erleichtert es dem Bully, anonym zu bleiben. Beim Gemobbten geht mit der medialen Vermittlung hingegen ein Kontrollverlust einher: Wurden unangemessene Inhalte auf Sozialen Netzwerkdiensten geteilt, lässt sich die Verbreitung dieser Inhalte, z.B. ein peinliches Video, nur schwer überblicken und revidieren.

Inwiefern können Peers helfen, Konflikte zu lösen?

Um einen Konflikt wirklich zu lösen, ist es oft sehr hilfreich, mit einer vertrauenswürdigen Person zu sprechen. Hier einige Statements von Jugendlichen, wer das sein könnte. Allerdings verändert das Einbeziehen weiterer Personen auch die Konfliktkonstellation und kann zu einer Ausweitung und Verschärfung des Konflikts führen. Das Einmischen einer dritten Person ist also ambivalent zu betrachten:stop-bulling Enge Freundinnen und Freunde sind häufig die ersten Ansprechpersonen unter Jugendlichen. Wenn sich Dritte in den Konflikt einmischen, sollte das Ziel immer noch die Lösung des Konflikts bleiben. Denn die Gefahr besteht, dass Freundinnen und Freunde zu stark Partei ergreifen und z.B. durch aufbauend gemeinte Kommentare den Konflikt weiter anheizen. Für Dritte kann dies zur Folge haben, dass sie schnell in die Rolle eines aktiv am Konflikt Beteiligten rutschen anstatt als Unterstützender zur Lösung des Konflikts beizutragen. Viele Schulen bieten auch die Möglichkeit, sich an gleichaltrige Streitschlichterinnen und -schlichter zu wenden. Diese wurden speziell darin geschult, wie sie mit Konflikten in Peer-Situationen umgehen und diese unterstützen können. Allerdings stehen Jugendliche dem Heranziehen von Personen außerhalb des Freundeskreises kritisch gegenüber. Das zeigt eine qualitativ angelegte Studie von Wagner et al. (2012)*, die das Konflikthandeln Jugendlicher in zwischenmenschlichen Konflikten in Sozialen Netzwerkdiensten untersuchte: „Das Einmischen von Erwachsenen, schulischen Streitschlichtern oder Fremden wird weitgehend abgelehnt und könnte die Person, die unterstützt wird, als schwach ausweisen oder für sie peinlich sein. Ein derartiges Eingreifen ohne den expliziten Wunsch einer Konfliktpartei läuft somit Gefahr, als unangemessen bewertet zu werden“ (S. 46 im kompletten Bericht zur Studie).Inwiefern können Erwachsene helfen, einen Konflikt zu lösen?

Häufig ist es schwierig, sich bei Konflikten im Netz an die Eltern oder an Verwandte zu wenden, da diese oft nur einen geringen Bezug zu den Medienwelten der Jugendlichen haben. Sie sind mit gängigen Umgangsformen der Jugendlichen häufig nicht vertraut und so werden z.B. Kommunikationsroutinen in Online-Communitys falsch eingeschätzt. Andererseits kann es für die Jugendlichen auch interessant und hilfreich sein, eine Einschätzung ihres Konflikts aus der Perspektive der Erwachsenen zu hören. Eventuell ziehen diese andere Grenzen zwischen einem „Spaß-Streit“, einer Meinungsverschiedenheit, einem Streit und Mobbing. Im Gespräch sollte unbedingt geklärt werden, welche Art von Hilfe sich die Jugendlichen von ihren Eltern oder Bekannten erhoffen: Geht es nur ums Zuhören, wird um einen Ratschlag gebeten oder um eine aktive Handlung?Auch einige Lehrkräfte sind mit den Medienwelten Jugendlicher nicht sonderlich vertraut. Besteht bei den Konflikten im Netz allerdings ein Bezug zur Schule, so ist es von großem Vorteil mit einer Lehrkraft darüber zu sprechen. Denn diese kann Probleme vor mehreren Schülerinnen und Schülern thematisieren oder im Lehrerkollegium Möglichkeiten zur Lösung des Konflikts ansprechen. Auch hier gilt es zu klären, welche Art von Hilfe sich die Jugendlichen erhoffen. Eventuell ist es ratsam, sich an die Vertrauenslehrerinnen und -lehrer zu wenden. An vielen Schulen gibt es auch speziell ausgebildete Schulpsychologinnen oder -psychologen als Ansprechpersonen sowie sozialpädagogische Fachkräfte (JaS-Fachkräfte, Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter). Nach der Studie von Wagner et al. (2012)* gilt dabei aber zu beachten, dass dem Heranziehen von erwachsenen Ansprechpartnerinnen und -partnern allgemein skeptisch begegnet wird, wenn es um Online-Konflikte geht – insbesondere wenn es sich um fremde Erwachsene handelt.Inwiefern kann das Internet helfen, Konflikte zu lösen?

Informations- und Beratungsangebote, wie sich Konflikte im Netz lösen lassen könnten, gibt es einige.  Vor allem auf Seiten von klicksafe (zu empfehlen ist auch die kostenlose App für Android von klicksafe), iRights oder von der polizeilichen Beratungsstelle finden sich wertvolle Informationen (Begrifflichkeiten, rechtliche Lage, Fakten, etc.), Verhaltenstipps sowie Beispiele für weitere Anlaufstellen. Auf der Seite Saferinternet des österreichischen Instituts für angewandte Telekommunikation stehen neben ausführlichen Informationen auch (Unterrichts-)materialien zum Thema Cyber-Mobbing zum kostenlosen Download bereit, wie auch auf der Service- und Informationsplattform Lehrer-Online. Die Webseite juuuport ist eine gute Anlaufstelle für Jugendliche, um sich zu informieren oder um von anderen Jugendlichen beraten zu werden: entweder im fooorum oder von einem persönlichen juuuport-Scout. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. bietet in moderierten Foren, in Chats oder Einzelsprechstunden Unterstützung und Beratung von ausgebildeten und erfahrenen Fachkräften an. Auch die Nummer gegen Kummer hilft bei Konflikten im Netz. Die schnellste Unterstützung in einem Konflikt können meist jene leisten, die davon nicht nur mitbekommen, sondern auch hin schauen.

Inwiefern kann die Meldefunktion helfen, Konflikte zu lösen?

Über die Meldefunktion scheinen sich Konflikte recht einfach ansprechen zu lassen. Auf den meisten Plattformen gibt es die Möglichkeit, mit nur wenigen Klicks ungeeignete Inhalte oder unangemessenes Verhalten von anderen Nutzenden zu melden. Das ist vor allem sinnvoll, um die Anbieter der Plattformen auf gepostete Bilder oder Kommentare hinzuweisen, die unangebracht sind. Weniger sinnvoll ist die Meldefunktion, um einen Konflikt wirklich zu klären. Denn in der Regel wird der ungeeignete Inhalt gelöscht, ohne dass sich die gemeldete Person mit ihrem Verhalten tiefgründig auseinandersetzen muss. Meist erfährt die gemeldete Person auch gar nicht, vom wem die Meldung gekommen ist. Dennoch ist die Meldefunktion ein wichtiges Instrument, um auf inadäquate Inhalte innerhalb der unzähligen Posts in Sozialen Netzwerkdiensten hinzuweisen. Deswegen kann und soll auch jeder Nutzende davon Gebrauch machen.