Fortbildung und Austausch – Was Fachkräfte und Eltern sich im Bezug auf mobile Medien wünschen

Für die Studie MoFam – Mobile Medien in der Familie wurden im Herbst 2015 53 Eltern und 35 Fachkräfte aus Erziehungsberatung sowie (teil-)stationären Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen befragt. Im Zentrum der Befragung standen ihre Haltungen gegenüber mobilen Medien und Internet, Sorgen und Befürchtungen sowie ihr Bedarf an Unterstützung in diesem Themenkomplex. Hier die Ergebnisse in einer gekürzten Zusammenfassung:

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Haltung der Eltern

Die überwiegende Mehrheit der befragten Eltern hält mobile Medien für einen selbstverständlichen Bestandteil des Alltagslebens, an dem kein Weg vorbeiführt. Und sie sehen vor allem sich selbst gefordert, ihre Kinder zu einem souveränen Umgang mit diesen Medien zu erziehen. Klar ablehnend stehen nur wenige Eltern der Thematik gegenüber. Während vor allem Mütter versuchen, durch ihr eigenes Mediennutzungsverhalten als Vorbild für ihre Kinder zu fungieren, sehen Väter auch Schulen und medienpädagogische Fachkräfte stärker in der Pflicht.

Sorgen der Eltern

Sorgen und Befürchtungen der Eltern liegen auf zwei Ebenen. Zum einen haben sie eigene Erfahrungen, Probleme und Schwierigkeiten im Familienalltag, berichten darüber hinaus aber auch von befürchteten Entwicklungen.

Eigene Erfahrungen im Familienalltag

Eltern sind sich oft unsicher in ihrem medienerzieherischen Alltag, wenn es um mobile Medien geht. Gründe hierfür sind häufig mangelndes oder veraltetes Wissen. Daraus resultiert das Fehlen stichhaltiger Argumente bei der Reglementierung der Mediennutzung, z. B. in Bezug auf die Nutzungsdauer oder differenzierte Regeln für Geschwisterkinder. Zudem empfinden Eltern die Kontrollmöglichkeiten des mobilen Medienhandelns ihrer Kinder als gering. Zeitgrenzen, die sich sonst bewährt haben, scheinen bei der Nutzungsregelung multifunktionaler Geräte, die zum Spielen, Kommunizieren oder Recherchieren genutzt werden können, nicht sinnvoll. Eine Lösungsstrategie, die aber in vielen Fällen nicht als zufriedenstellend empfunden wird, stellt das Zurückgreifen auf situationsbezogene Regeln dar, z. B. „Kein Smartphone bei den Hausaufgaben oder am Essenstisch“.

Eltern nehmen auch Schwierigkeiten im Hinblick auf soziale Aspekte wahr. So gilt das Smartphone in vielen Peergroups als Statussymbol, sozialer Druck hinsichtlich der Anschaffung eines (neuen) Geräts ist damit in vielen Familien ein Thema. Außerdem sehen Eltern eine Gefahr darin, dass sich Konflikte zwischen Jugendlichen in soziale Netzwerke verlagern und so zu Mobbing und Ausgrenzung führen.

Unsicherheit besteht für Eltern auch im Umgang ihrer Kinder mit persönlichen Daten. Dabei geht es sowohl um die Daten des eigenen Kindes als auch um die anderer. Um ihre Kinder vor möglichen Gefahren und Missbrauch zu schützen, haben Eltern das Bedürfnis, deren Medienumgang zu kontrollieren. Sie empfinden es zum Teil aber als Verletzung der Privatsphäre, wenn sie z. B. die WhatsApp-Nachrichten ihrer Kinder überprüfen.

Insgesamt empfinden Eltern ihre Vorbildfunktion im Umgang mit Medien als durchaus wichtig. Selbst reflektieren sie ihr Medienhandeln aber nur wenig. Um Heranwachsende zu einem souveränen Medienumgang zu erziehen, ist es für Eltern wichtig, über Funktionen und Inhalte informiert zu sein. Da sie dafür häufig keine Zeit finden oder ihnen das tiefergehende Interesse fehlt, fällt es ihnen oft schwer, mit ihren Kindern im Gespräch zu bleiben.

Übernommene Ängste und Sorgen

Neben den selbst erlebten Schwierigkeiten formulieren einige Eltern auch Sorgen und Befürchtungen, die sie aus Gesprächen mit anderen Eltern oder medialer Berichterstattung übernommen haben. Dazu zählt vor allem die Befürchtung, dass mobile Medien immer mehr Raum einnehmen und so kein Platz für andere (nicht-mediale) Erfahrungen bleibt. Außerdem machen sie sich Sorgen darüber, dass mobile Medien von schulischen Aufgaben ablenken könnten und so zu einer Verschlechterung der Schulleistungen beitragen. Eine weitere schwer greifbare Sorge besteht für Eltern in der Vermischung virtueller und realer sozialer Kontakte. Sie befürchten eine Abhängigkeit von mobilen Medien und die Vereinsamung ihres Kindes im realen Alltag.

Perspektive der Fachkräfte

Fachkräfte zeigen in Bezug auf ihre persönliche Haltung und ihren Umgang mit Medien ein hohes Reflexionsniveau. Häufig haben sie eine kritische Sicht auf Medien, was teilweise durch geringe Medienaffinität begründet ist. Prinzipiell lässt sich dieser Zusammenhang aber nicht nachweisen, da die meisten Fachkräfte sehr offen und interessiert gegenüber mobilen Medien sind bzw. daran, was das Faszinierende für Heranwachsende ist. In den Alltag der (teil-)stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind mobile Medien wenig eingebunden. Aus Sicht der Fachkräfte wird ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medien zu wenig thematisiert und kaum Möglichkeit zum Einüben gegeben. Daraus resultiert die Befürchtung, dass Heranwachsende keinen souveränen Umgang mit Medien entwickeln können. In der Erziehungsberatung zeigt sich, dass mobile Medien verstärkt Thema sind. Es besteht fast immer ein Zusammenhang zwischen einem besorgniserregenden Medienumgang und weiteren familiären Problemen, die nicht aufgearbeitet werden.

Sorgen und Befürchtungen

Fachkräfte erleben die Mediennutzung speziell mobiler Geräte ab einem Alter von zehn Jahren, spätestens dem Schulübertritt als zunehmend bedeutend. Eltern beschäftigt das Thema mit Blick auf verschiedene Aspekte und es wird klar, dass nur wenige über Wissen zu technischen Geräten sowie Sicherheitsvorkehrungen verfügen. Mobile Geräte werden aus Sicht der Fachkräfte von Eltern auch zur Beschäftigung oder als „Babysitter“ eingesetzt. Fachkräfte haben die Sorge, dass Mütter und Väter, die ihrerseits intensiv mobile Medien nutzen, das Feingefühl für die Bedürfnisse ihrer Kinder verlieren könnten. Dies wird als gesellschaftliches Problem wahrgenommen, da die Eltern ihr eigenes Medienhandeln, Chancen und Risiken, die in der Nutzung von Geräten und Anwendungen liegen, nicht hinterfragen. Zudem beobachten Fachkräfte, dass sich Eltern ihrer Vorbildfunktion oft nicht bewusst sind. Konflikte entstehen häufig daraus, dass Kinder das uneingeschränkte Nutzungsverhalten der Eltern auch für sich selbst einfordern.

Mobile Medien werden von Eltern auch als Erziehungsinstrument genutzt, so wird beispielweise ein radikaler Entzug des Smartphones als Bestrafung eingesetzt, weil es aus elterlicher Perspektive die einzig wirkungsvolle Maßnahme ist. Fachkräfte beobachten dabei, dass Eltern die existentielle Bedeutung des Geräts und durch den Entzug entstehende Ängste nicht bewusst sind.

In mehrfach belasteten Familien ist der besorgniserregende Umgang mit Medien Teil der komplexen Problemlage. Intensive Mediennutzung stellt für Jugendliche eine Ablenkung von ihren realen Problemen dar. Um das Nutzungsverhalten bearbeiten zu können, müssen in der Regel zuerst die zugrundeliegenden Probleme gelöst werden.

Oft sorgen sich Eltern, die eine Beratungsstelle aufsuchen, davor, ihr Kind könne süchtig sein oder werden. Um tatsächlich abhängiges Verhalten handelt es sich allerdings nur in Einzelfällen. Fachkräfte sehen hinter diesen Sorgen die Hilflosigkeit der Eltern und Schwierigkeiten dabei, ihrer Kindern Grenzen zu setzen. Spüren die Eltern Handlungsdruck, entscheiden sie schnell und radikal. Dabei vollziehen sie häufig nicht nach, welche Hintergründe und Bedeutungen das Medienhandeln ihres Kindes hat.

Ansatzpunkte zur Unterstützung für Medienerziehung

Bedarf aus Sicht der Eltern

Eltern stehen vor dem Problem, die Balance zwischen Vertrauen in den verantwortungsbewussten Umgang mit mobilen Medien ihres Kindes und der Kontrolle des Medienumgangs zu finden. Dafür wünschen sie sich Unterstützung von verschiedenen Seiten.

Sie schreiben der Schule eine wichtige Rolle zu und wünschen sich eine aktive Auseinandersetzung mit mobilen Medien. Einsatz mobiler Medien im Unterricht ist für Eltern kein Tabu, sie fordern aber klare und sinnvolle Regeln zum Medienumgang in der Schule. Darüber hinaus wünschen sie sich Unterstützung von Expertinnen und Experten. Von ihnen erwarten sie eine klare Positionierung sowie Anregungen und Regeln, die sich im Alltag umsetzen lassen. Informationsmaterialien werden von manchen Eltern gerne herangezogen, wenn sie gut aufbereitet sind und anschauliche Beispiele enthalten. Andere Eltern lehnt sie ab, da sie ihnen zu oberflächlich erscheinen. Einige Eltern wünschen sich eine Anlaufstelle mit medienkompetenten Fachkräften, an die sie sich bei Problemen wenden können. Darüber hinaus brauchen sie auch Anhaltspunkte dafür, welches Wissen sie sich in Bezug auf den Umgang mit mobilen Medien aneignen müssen, um ihre Vorbildrolle ausfüllen zu können. Auch technische, einfach handhabbare Lösungen zum Schutz vor Gefahren für Kinder sind von Eltern erwünscht. Es besteht besonders Interesse an Sicherheitsprogrammen für mobile Geräte.

Elternbedarf aus Sicht der Fachkräfte

Fachkräfte sehen Bedarfe der Eltern in drei unterschiedlichen Feldern. Sie nehmen wahr, dass bei vielen Eltern wenig entwicklungspsychologisches Wissen vorhanden ist. Eltern sind häufig weder die Konsequenzen übermäßiger Mediennutzung, noch Möglichkeiten des entwicklungsfördernden Medieneinsatzes bekannt. Sich frühzeitig mit medienerzieherischen Fragestellungen auseinanderzusetzen, könnte aus Perspektive der Fachkräfte hier Abhilfe schaffen.

Beim (medien-)erzieherischen Handeln nehmen Fachkräfte insbesondere beim Grenzen-setzen Schwierigkeiten bei den Eltern wahr. Aus Sicht der Fachkräfte benötigen Eltern klare Empfehlungen, die sie auch zur Argumentation gegenüber ihrem Kind heranziehen können. In Bezug auf Nutzungszeiten kann dies entlastend für Eltern sein, da ihre Regeln so nicht individuell sondern allgemein anerkannt erscheinen.

Zuletzt bemerken die Fachkräfte, dass es Eltern an medienspezifischem Wissen fehlt und sie auch nicht wissen, wo sie Informationen zum Auffüllen ihrer Wissenslücken beziehen können. Viele Eltern sind dementsprechend auch mit der Einrichtung einer Kinderschutzsoftware überfordert.

Ansatzpunkte aus Sicht der Fachkräfte

Fachkräfte halten Beratung, die die komplexe und multiproblematische familiäre Situation berücksichtigt, für wichtig. Dafür sind Beraterinnen und Berater notwendig, die über ausreichend Medienkompetenz verfügen und über aktuelle Entwicklungen informiert sind. Entsprechende Kompetenzen sollten von den Einrichtungen dann auch klarer kommuniziert werden, so dass Eltern wissen, wohin sie sich bei Problemlagen, in denen mobile Medien eine Rolle spielen, wenden können. Informationsveranstaltungen in Einrichtungen wie Schulen können hilfreich sein, sofern Eltern zum Besuch motiviert werden können. Ebenfalls gewinnbringend für die Erziehenden schätzen Fachkräfte die Stärkung der Solidarität zwischen Eltern und damit die Förderung des Austauschs über Medienerziehung (z. B. über Regeln) ein.

Bedarf der Fachkräfte

Fachkräfte sehen sich vielfach als nicht kompetent genug im Themenkomplex mobile Medien an. Sie können ihren professionellen Beratungsansprüchen nicht gerecht werden. Ihr Wissensbedarf bezieht sich u. a. auf spezifische Angebote (z. B. Apps, Spiele, Soziale Netzwerke) oder aber aktuelle Entwicklungen und technische Möglichkeiten für Sicherheitseinstellungen.

Fachkräfte wünschen sich mehr Möglichkeiten der zertifizierten Weiterbildung. Sie halten modulare Veranstaltungen über einen längeren Zeitraum für sinnvoll und erwarten, dass ihre persönlichen Arbeitsbedingungen berücksichtigt werden. Idealerweise könnte sich eine Person pro Team oder Einrichtung qualifizieren und dann als Ansprechpartnerin bzw. -partner für Kolleginnen und Kollegen fungieren oder Fortbildungsangebote für Eltern anbieten. Weiterbildungen sollten sich speziell an die Zielgruppe richten, da Fachkräfte sich auch den Austausch untereinander wünschen. Fachkräfte, die bereits an entsprechenden Veranstaltungen teilgenommen haben, sehen darin eine gelungene Bereicherung. Für ihre Einrichtungen wünschen sich Fachkräfte verständliche und geprüfte Materialien, die sie für die eigene Argumentation verwenden und auch Eltern als Hilfestellung zur Verfügung stellen können.

Die größte Herausforderung besteht für Fachkräfte jedoch darin, mit den medialen Entwicklungen Schritt zu halten. Um kompetent beraten zu können und erworbene Expertise zu behalten, ist auch persönliches Interesse an neuen medialen Angeboten notwendig. Fachkräfte, die auf dem Laufenden bleiben wollen, müssen sich selbstständig informieren und mit Chancen und Risiken auseinandersetzen.

Schlussfolgerungen

Das Ziel medienpädagogischer Arbeit mit mobilen Medien ist es, Kinder zu befähigen, Medien zu ihren eigenen Zwecken in einem ihrem Alter und Entwicklungsstand entsprechenden Maß zu nutzen und dabei eigenverantwortlich und selbstbestimmt vorzugehen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass von Eltern und Fachkräften häufig Sorgen und Ängste in Bezug auf den Medienumgang Heranwachsender formuliert werden. Abhilfe können fundierte Informationen und Handlungsanregungen schaffen sowie hochwertige Informationsmaterialien. Diese bedürfen angesichts der rasanten Entwicklungen ständiger Aktualisierung. Für Fachkräfte erscheinen zertifizierte Fortbildungen und der Austausch unter Kolleginnen und Kollegen sinnvoll und hilfreich. Um insbesondere Eltern aber auch Fachkräfte über Informationsangebote zu informieren, braucht es mehr zielgruppenspezifische Öffentlichkeitsarbeit.

Medienerziehung in der Familie muss so früh wie möglich ansetzen. Um Eltern zu entlasten, erscheint es günstig Betreuungseinrichtungen miteinzubeziehen. Drei Punkte sind bei der medienpädagogischen Unterstützung von Eltern und Fachkräften zentral.

  • Sensibilisierung und Anregung von Reflexion in Bezug auf den eigenen Medienumgang und die Vorbildfunktion sowie Sensibilisierung und Verständnis für die Bedürfnisse und Motive von Kindern beim Medienumgang.
  • Vermittlung von Wissen über Medien, um die Medienerziehung von Kindern entwicklungsangemessen und mit einem Auge für Potenziale aber auch für Gefahren und Risiken gestalten zu können.
  • Konkrete Handlungsanregungen, die es Eltern ermöglichen, medienerzieherische Belange in ihren Erziehungsalltag zu integrieren.

 

Medienerzieherische Probleme sind häufig eng mit Familienkonflikten verwoben. Der Erziehungsberatung und Familienhilfe durch Fachkräfte mit medienerzieherischem Wissen kommt daher eine außerordentlich wichtige Bedeutung zu.

Eine ausführlichere Version der Studie gibt es hier als PDF-Datei zum Download