Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten

Auseinandersetzungen und Streit gehören zum Alltag und sind eigentlich gut – wenn man sie wieder lösen kann. Mit diesem Text können Sie sich Grundlagen und Anregungen für die pädagogische Arbeit mit Kinder und Jugendlichen verschaffen, was bei Konflikten im Internet eine Rolle spielt aber auch wie Cyber-Mobbing vorgebeugt werden kann. Jugendliche haben einen sehr differenzierten Blick auf Online-Konflikte, die Bandbreite von Konflikten ist aus ihrer Sicht sehr groß. Entsprechend ist es erforderlich das komplette Spektrum an Online-Konflikten zu thematisieren, um Jugendliche in Konfliktsituationen geeignet zu unterstützen.

Es ist wichtig in den Lebensraum von Jugendlichen einzutauchen und mit einer offenen Herangehensweise die Einstellungen und Erfahrungen der jungen Menschen mit aufzunehmen. Konflikte kommen vor und diese zu bewältigen gehört zur Identitätsbildung eines jeden Heranwachsenden!

Konflikte sind normal!

Konflikte sind alltäglich und ein unumgängliches Phänomen im sozialen Zusammenleben, diese kommen online genauso vor wie im realen Leben. Die meisten Online-Konflikte zwischen Jugendlichen werden jedoch von Erwachsenen häufig und vorschnell als Cyber-Mobbing postuliert. Grundsätzlich sollten Online-Konflikte aber differenzierter und vor allem dann nicht nur negativ betrachtet werden. Nur so ist es möglich, konstruktiv damit umzugehen und unterstützend wirken zu können. Um adäquate Unterstützungsformen zu entwickeln, sollten unterschiedliche Ursachen für Konfliktverläufe und -phänomene wahrgenommen und differenziert werden. Mögliche Konfliktursachen können sozial verwurzelte Situationen, wie auch strukturelle Konstellationen sein. Einzelne Konfliktaspekte sollten nicht isoliert von einander betrachtet werden, denn sie sind immer multidimensional.

Das Jugendalter ist ein sehr früher Teil des Lebenslaufes, mit biographisch je eigenen Chancen und Risiken. Die subjektive Handlungsfähigkeit rückt immer mehr ins Augenmerk der Jugendlichen und geschlechterspezifische Handlungsnormen werden deutlicher. Konflikte stehen also immer im Zusammenhang mit lebensweltlichen Vollzügen. So spiegeln sich in Online-Konflikten die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen und Werthaltungen.

Die eigene Sozialisation beeinflusst das Konfliktverständnis

Das Konfliktverständnis eines jeden Menschen ist davon geprägt, welche Konflikterfahrungen gemacht wurde und wie somit die Einstellungen zu Konflikten ist. Sind Konflikte etwas Schwieriges und Unangenehmes, weicht man eher davor aus oder versucht sie zu ignorieren. Wenn Konflikte jedoch als etwas Konstruktives und Prozessweisendes betrachtet werden, neigt man eher dazu einem Konflikt entgegen zu treten und damit zu arbeiten. Jeder Mensch geht also anders mit einem Konflikt um. Gerade als Pädagogin und Pädagoge sollte man deswegen das eigene Konfliktverständnis reflektieren und sich den persönlichen Blick auf Konflikte bewusst machen. So kann mit einem auftretenden Konflikt unter Jugendlichen reflektiert gearbeitet und mit den Jugendlichen können produktive Lösungen erreicht werden.

Die mediale Öffentlichkeit ist in Online-Konflikten ambivalent einzuschätzen

Online-Konflikte werden als besonders unangenehm empfunden, da sie in einer medial vermittelten Öffentlichkeit stattfinden. Die Eskalationsoptionen, die sich daraus ergeben, sind charakteristisch für Online-Konflikte. Hilfreich, um sich diese Unterschiede vor Augen zu führen, ist die strukturelle Unterscheidung zwischen dyadischen und triadischen Konflikten.

Dyadische Konflikte sind soziale Konflikte zwischen zwei Akteuren. Die Einbeziehung eines Dritten (Triade) bedeutet dann gravierende Veränderungen, wie eine mögliche Depolarisierung, veränderte Machtverhältnisse oder gebrochene Erwartungssicherheiten. Es kann eventuell zu einer sachorientierteren Kommunikation kommen und bestenfalls zu einer Beilegung des Konflikts, durch eine Positions-Zuordnung. Jedoch kann die Wirkung einer weiteren Person nicht konkret vorher gesagt werden, sie kann schlimmstenfalls sogar zu einer Verschärfung des Konfliktes führen. Die Einmischung einer dritten Person in einen Konflikt bleibt also stets ambivalent.

Diese Rolle von Dritten wird von Jugendlichen sehr differenziert betrachtet und ist vor allem abhängig davon, wie das Verhältnis der Dritten zu den Konfliktparteien eingeschätzt wird. Dabei wird deutlich, dass die potentiell vorhandene Öffentlichkeit in Sozialen Netzwerken und Netzwerkdiensten Einfluss auf die Verhandlung von Konflikten der Jugendlichen hat.

Dies hat eine große Bedeutung im Online-Medienhandeln von Jugendlichen in Bezug auf ihre Identitätsarbeit und für das gelingende Gestalten von Sozialbeziehungen in unserer zunehmen medialisierten Lebenswelt. Für Jugendliche gilt heute, dass Konflikterfahrungen in Medien sich nicht nur auf die Rezeption von entsprechenden Medieninhalten beschränken, sondern Jugendliche im Mitmach-Web auch Beteiligte in der Austragung von Konflikten in Medienstrukturen werden. Dies kann erstens mit Blick auf die damit verbundenen Veränderungen und Bedingungen der lebensweltlichen Verankerung des Medienhandelns, zweitens aber auch mit Blick auf Aufgaben und Anforderungen an pädagogische Unterstützung von Jugendlichen und einen ‚netzwerkgerechten Jugendmedienschutz‘ betrachtet werden.

Die Konfliktverständnisse von Jugendlichen und Erwachsenen variieren stark

Sehr oft besteht eine große Diskrepanz zwischen dem Konfliktverständnis von Jugendlichen und Erwachsenen. Aus Sicht der Jugendlichen haben Erwachsene falsche Vorstellungen von Online-Konflikten, z.B. was als `No-Go´ gilt und was toleriert werden kann. Jugendliche sehen Erwachsenen häufig als zu distanziert zur eigenen Lebenswelt. Sie sind dann mit gängigen Umgangsformen der Jugendlichen nicht vertraut und so werden z.B. Kommunikationsroutinen in Online-Communitys falsch eingeschätzt.

Verschiedene Konfliktformen von Jugendlichen wurden in einer Studie von Wagner et. al. (2012) unterschieden[1]. In der Häufigkeit absteigend beginnend bei einem

  • `Spaß-Streit´, welcher nicht ernst gemeint ist, sich jedoch zu
  • `Meinungsverschiedenheiten´ bis hin zu
  • `ernsthaften Streitereien´ entwickeln kann.

Bei diesen drei Streitformen bestehen laut den befragten Jugendlichen aber `gleichberechtigte Handlungsoptionen´, wohingegen die seltenste Konfliktform des

  • `Mobbings´ diesen Aspekt verliert.

Eine weitere, aus medienpädagogischer Perspektive, wichtige Facette von Online-Konflikten, ist, dass solch kleine `Spaß-Streits´ für Jugendliche alltäglich sind, von Erwachsenen aber so gar nicht wahrgenommen werden. Trotzdem können solche Streits auch von den Jugendlichen als unangenehm wahrgenommen werden und Auslöser gravierenderer Streitigkeiten sein.

Konfliktlösung unter den Jugendlichen

Konflikte sind Teil des Alltags Jugendlicher und können auf unterschiedliche Weise behandelt werden. Die Jugendlichen formulieren im Rahmen einer Gruppendiskussion für der Studie von Wagner et. al. (2012) vor allem ihr Bestreben, Konflikte nicht eskalieren zu lassen, sondern sie frühzeitig zu lösen. Um in Konflikten zu agieren steht den Jugendlichen, laut eigener Aussage, ein Spektrum an `als adäquat angesehener Handlungsformen´ zur Verfügung. Die Bewertung der Handlungsmöglichkeiten stellt sich jedoch als sehr subjektiv heraus.

Das wird insbesondere deutlich, wenn es darum geht, welche Handlungsoptionen insgesamt in Konfliktsituationen als angemessen bewertet werden. Beschimpfungen, Beleidigungen, Schlechtreden und Ignorieren sind bei den Jugendlichen häufig genannte Optionen, um Konflikte auszutragen. Ob sie aber jeweils als akzeptabel oder als inakzeptabel eingeschätzt werden, unterscheidet sich aufgrund individueller Wertvorstellungen, aber auch deutlich soziokulturell geprägter Orientierungen.

Hinzukommt, dass einige Handlungsoptionen eher Schein-Lösungen darstellen. So ist unklar, ob die Option „Ignorieren“ für ein souveränes Darüberstehen oder ein Aushalten müssen steht. Die einzelnen Handlungsoptionen verdeutlichen die Komplexität der Aufgabe, vor der die Jugendliche mit dem Verhandeln von Konflikten und der Ausgestaltung ihrer sozialen Beziehungen gestellt sind. Dies ist als alltägliche Anforderung im Rahmen der Identitätsarbeit zu begreifen und die zur Herausforderung werden kann.

Für die heranwachsenden Jugendlichen ist es aber unbedingt notwendig zu lernen mit dem Konflikt umzugehen und ihn bestenfalls zu bewältigen, denn sie werden in ihrem Leben noch oft vor solchen Aufgaben stehen.

Nicht jede Hilfe ist für Jugendliche auch hilfreich

Hinter den sehr unterschiedlichen Formen von Auseinandersetzungen liegt ein komplexes System aus Regeln, wie man – aus Sicht von Jugendlichen – bei welchem Konflikt reagieren kann. Wer diese Konfliktformen und Regeln nicht kennt, kann auch keine Hilfe geben. Für die meisten Erwachsenen trifft dies aus Sicht der Jugendlichen zu.

Aber auch Jugendliche sind immer wieder überfordert. Konflikte in Online-Communitys können Jugendliche vor Bewältigungsaufgaben stellen, mit denen sie nur schwer zurechtkommen, wenn sie auf sich alleine gestellt sind. Peer-Strukturen bieten hier einen wichtigen Ansatzpunkt für Jugendliche. Hier suchen die Jugendlichen von sich aus Unterstützung und erhalten sie auch. Dass Gleichaltrige bei Online-Konflikten vermitteln, bzw. dass man sich bei ihnen Hilfe holt, ist durchaus gängige Alltagspraxis und wird von ihnen selbst als Möglichkeit der Unterstützung angesprochen. Dabei gilt aber auch, dass diese Hilfe auch dazu führen kann, dass ein Konflikt eskaliert, da die Hinzugezogenen den Konflikt weiter befeuern.

Abgesehen von Gleichaltrigen werden weitere Unterstützungssysteme und -formen bei Online-Konflikten sehr kritisch eingeschätzt. Erwachsene Ansprechpartnerinnen und -partner werden im Vergleich zu den Peer-Kontexten allgemein skeptisch gesehen. Ein Grund dafür ist, dass von Seiten der Erwachsenen unerwünschtes Einmischen bzw. eine aufgedrängte Form von Hilfe befürchtet wird. Außerdem wird von Jugendlichen vermutet,  dass Erwachsene die Kommunikationsformen und -situationen nicht angemessen einschätzen würden. Die Jugendlichen formulieren sehr deutlich den Anspruch, ihre Konflikte selbstbestimmt lösen zu können. Auch wenn bekannte Erwachsene zu Online-Streitereien hinzugezogen werden, besteht nach Ansicht der von Wagner et al. Befragten zusätzlich die Gefahr, dass sie die Konflikte falsch einschätzen und die Sachverhalte überdramatisieren. Die Kontaktaufnahme mit nicht bekannten Erwachsenen zur Unterstützung bei Online-Konflikten wird ebenfalls abgelehnt. Sie erscheint den Jugendlichen peinlich. Zu Schulsozialarbeiterinnen und -arbeitern gibt es in den Interviewgruppen der Studie von Wagner et al. (2012) nur wenige Aussagen. Für die, die sich dazu äußern stellt dies allerdings keine Option dar bzw. sie würden sich „wirklich als letztes“, bevor sie ihre Eltern um Unterstützung bitten, an die Schulsozialarbeiterin wenden. Geschlechterspezifisch konnte festgestellt werden, dass es für Mädchen eher vorstellbar ist, sich bei Konflikten Unterstützung von Erwachsenen zu holen, während dies vor allem bei manchen Jungen als Tabu gilt. Ein Hauptschüler äußert in der Befragung beispielsweise, dass es als schwach gilt, wenn man sich Erwachsene zu Hilfe holt. Unter Umständen verliert man dadurch seinen Ruf und gilt als „Tussi“.

Die Perspektive und die Begriffe von Jugendlichen als Grundlage für die Arbeit nutzen

Erwachsene haben bei den befragten Jugendlichen also keinen guten Stand, wenn es darum geht, Unterstützung bei der Bewältigung von Konflikten anzubieten.

Unumgänglich ist folglich, die Perspektive von Jugendlichen, ihr Verständnis von Konflikten und von adäquaten Handlungsoptionen als Grundlage für pädagogische Arbeit zu nutzen. Einige Schwerpunkte können hierzu konkretisiert werden:

  • Online-Konflikte in ihrer Bandbreite thematisieren und adäquate Handlungsoptionen diskutieren
  • Unschärfen in den Übergängen zwischen den Konfliktformen ins Bewusstsein rücken
  • Wertorientierungen im Konflikthandeln reflektieren
  • Nicht Konflikte an sich, sondern eskalierendes Konflikthandeln problematisieren

Somit erschließen sich folgende Leitlinien für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen:

  • Wo der Spaß aufhört, erschließt sich erst dann, wenn man einen differenzierten Blick auf die verschiedenartigen Konfliktformen wirft. Nur wer die Perspektive der Jugendlichen aufgreift, kann beurteilen, wo Jugendliche Unterstützung benötigen. Unverzichtbar ist, die unterschiedlichen Konfliktformen in ihrer Bandbreite mit Jugendlichen zu thematisieren und mit ihnen gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren.
  • Wo der Spaß aufhört, liegt nicht allein im Ermessen der Streitenden. Auch gesellschaftlich geprägte Werteorientierungen spielen eine entscheidende Rolle im Aushandeln von Online-Konflikten. Das Spannungsverhältnis zwischen Erfahrungen aus der eigenen Lebenswelt und gesellschaftlich akzeptierten Normen und Werten (z.B. Selbstbestimmung und solidarisches Helfen) muss in der pädagogischen Praxis gemeinsam mit den Jugendlichen aufgegriffen werden.
  • Wo der Spaß aufhört, gibt es Klärungsbedarf. Nicht Konflikte an sich, sondern eskalierendes Konflikthandeln sollten in der pädagogischen Arbeit abgelehnt werden. In der Arbeit mit Jugendlichen gilt es, konstruktive Wege zum Handeln in Online-Konflikten zu erarbeiten und zu diskutieren. Zudem gilt zu klären, wie und wann andere in Online-Konflikten unterstützt werden können und sollten.

 

Literatur :

Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels; Gerlicher, Peter; Schemmerling, Mareike (2012): Wo der Spaß aufhört … Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten. Teilstudie im Projekt „Das Internet als Rezeptions- und Präsentationsplattform für Jugendliche“ im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). München: JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Online verfügbar unter: www.jff.de/studie_online-konflikte


[1] Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels; Gerlicher, Peter; Schemmerling, Mareike (2012): Wo der Spaß aufhört … Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in Sozialen Netzwerkdiensten. Teilstudie im Projekt „Das Internet als Rezeptions- und Präsentationsplattform für Jugendliche“ im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). München: JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Online verfügbar unter: www.jff.de/studie_online-konflikte